Medien und Sonstiges

Ingalill Roos

Energieräuber erkennen und abwehren

Familie, Beziehung, Job

ISBN 13-978-3-451-06850-8
Verlag: Herder, 1. Auflage (2017)
Preis: 12,00 €
 

Ingalill Roos arbeitet als Gesprächstherapeutin in Göteborg. In Schweden ist sie durch zahlreiche Medienauftritte bekannt. „Energieräuber“ ist ihr erstes Buch und fand in ihrer Heimat viel Beachtung.

Geben und Nehmen kennzeichnet, egal ob in der Partnerschaft, im Job oder der Familie unsere Beziehungen. Es gibt Umstände, in denen wir die Angewiesenen sind und es gibt Situationen, in denen wir unterstützen.

Es gibt allerdings Menschen, die grundsätzlich für sich die Rolle des Nehmenden beanspruchen und anderen damit die Rolle des Gebenden zuweisen. Diese Menschen bezeichnet die Autorin als Energieräuber. Sie strapazieren Beziehungen über Gebühr, nutzen aus ohne, je zufriedengestellt werden zu können. Ingalill Roos beschreibt das Verhalten dieser Energieräuber aus der Sicht einer an Freud und Jung geschulten Therapeutin. Sie nennt die Gründe, warum Menschen diese Rolle einnehmen – sie liegen in der Kindheit, an Überforderungen, unbefriedigten Erwartungen oder ungelösten Konflikten. Die Bereitschaft, über sich selbst nachzudenken, gibt es bei Energieräubern kaum oder gar nicht. Warum auch? Ihr Rollenspiel funktioniert.

Für den Gebenden – und dies sind die Adressaten ihres Buchs – funktioniert dieses Spiel nicht. Ihre Grenzen werden permanent übersehen, ihre Ressourcen werden ungefragt eingefordert, so dass sie leerlaufen und am Ende den Zugang zu sich selbst verlieren. Alles wurde ja dem Energieräuber überlassen (die Autorin verwendet diese Bezeichnung „Energieräuber“ beinahe synonym für Narzissmus). Solche Menschen bzw. ein solches Verhalten zu erkennen und abwehren zu können, verspricht ihr Buch.

Dieses Versprechen hält Roos nur unzureichend. Um es vorwegzunehmen: Ich empfehle ihr Buch durchaus als Lektüre. Aber mit allzu großen Erwartungen, die dieses sehr spannende Thema weckt, gehe man besser nicht daran:

Roos Ton ist erklärend, lehrend und belehrend. Sie erklärt die psychischen Mechanismen des Energieräubers, seine Unbefriedigtheit und Unzufriedenheit, seine mangelnde Selbstreflexion und Aggression. Sie verwendet viel Zeit dafür und flicht immer wieder Grundwissen der psychoanalytischen Schule in ihre Darstellung. Davon weiß am Ende der Leser eine ganze Menge. Aber das ist nicht das Ziel des Buches. Roos will gründlich vorgehen, aber mit der praktischen Intention des Buchs lässt sich dies nicht glücklich vereinigen. Ich war beim Lesen zeitweise regelrecht genervt von ihren Auslassungen über Freud, Jung und Co. 

Das führt zum nächsten Manko des Buchs: Dem Störenfried, dem Narziss, dem Energieräuber wird sehr viel Platz eingeräumt. Aber er wird, resistent gegen jede Selbstreflexion, dieses Buch kaum lesen. Im Grund gewährt ihm Roos eben jene Aufmerksamkeit großräumig zu, nach der ihn verlangt und gegen das das Buch eigentlich Abhilfe schaffen will. Auch das Verhalten des gebenden Menschen, also dem eigentlichen Leser wird bei ihr bedacht und beschrieben – in gewohnt psychoanalytischer Manier. Dies mag für den in dieser Weise geschulten Leser aufschlussreich sein. Für alle anderen wird es eine eher mühselige Lesearbeit. Das ganze Geschäft der Reflexion, Verständnis, Initiative und Entscheidung bleiben beim Gebenden, der ohnehin durch die Beziehung mit einem Energiefresser über Gebühr herausgefordert ist.

Die Einseitigkeit, undifferenzierte, auf Psychoanalyse beschränkte Sicht ist der durchgehende Mangel des Buchs. So stehen beispielsweise Menschen mit ADHS in der Gefahr, sich zu aufmerksamkeitsheischenden Energieräubern zu entwickeln. Auch die Entwicklung narzisstischer Persönlichkeitsstrukturen kann in der Folge eines ADHS stehen. Im Raster der Autorin gibt es so etwas nicht. Für den psychoanalytischen Hammer ist eben alles ein Nagel. Glücklicherweise schildert sie im letzten Teil ihres Buchs einige anschauliche Fallbeispiele, die eine differenziertere, weniger verschulte, konkretere Sicht gewähren.

Warum nun ist dieses Buchs trotzdem lesenswert?

Zunächst weil es ein wichtiges Thema aufgreift und es, wenn auch einseitig, versucht verständlich zur Sprache zu bringen.

Weil die Autorin ein aufrichtiges Interesse am Leser hat. Dieses Buch ist kein platt geschriebener Ratgeber. Auch wenn die Exkurse den Lesefluss unterbrechen, zeigt dies, dass Roos den Leser zu eigenem Urteil befähigen will.

Und schließlich, weil sie - vor allen Dingen in den Fallbeispielen - gute Wege aufzeigt, mit einem falschen Verhalten bzw. einer verzerrten Lebenssicht umzugehen. Denn nicht nur der Energieräuber, auch der gebende Part muss zu einer anderen Selbstsicht gelangen. Überhaupt zeigt sich am Ende, dass es den Energieräuber in Reinkultur nur selten gibt.

Lässt man die Erwartungen, die der pragmatische Titel „Energieräuber erkennen und abwehren“ fahren und stört sich nicht am ideologischen Rahmen, in den Roos ihre Ausführungen setzt, kann dieses Buch eine bereichernde Lektüre werden.

Uwe Metz

aus neue AKZENTE 110, 2/2018

 

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