Medien und Sonstiges

Dale Archer

Nicht normal, aber ziemlich genial

Warum unsere psychischen Störungen unsere Stärken sind

ISBN 13-978-3-86882-903-7
Verlag: mvg Verlag 1. Auflage (2018)
Preis: 16,99 €

 

Der Autor Dale Archer, ein amerikanischer Psychiater, beklagt die zunehmende medikamentöse Überdosierung und Überdiagnostik in der Psychiatrie. Das Normale, die menschliche Vielfalt, werde pathologisiert und an Fachleute delegiert. Die Einordnungen von Krankheiten würden seiner Meinung nach im Vordergrund stehen, statt auch die Vorteile bei besonderen Persönlichkeitsmerkmalen zu sehen und dass diese wertvolle Ressourcen darstellen, die Menschen auch zu ganz besonderen Menschen machen. Er bedauert, dass die aktuelle Psychiatrie defizitorientiert arbeitet, statt ressourcenorientiert.

Das ist zunächst ein durchaus positiver Ansatz, dem ich uneingeschränkt zustimmen kann, im Übrigen aber auch nichts Neues.

Dale Archer beschreibt dann 8 grundlegende Persönlichkeitstypen. Diese Grundtypen können auch zusammen auftreten und sie sind als ein Kontinuum verstehbar. In einer geringen Ausprägung haben sie keinen Krankheitswert, während in der Vollausprägung es sich um schwere psychische Erkrankungen handelt. Sein Anliegen ist es, diese Kategorisierung von Krankheitsbildern zu hinterfragen und weniger das Krankhafte, sondern das Gesunde bei den jeweiligen Persönlichkeitsmerkmalen im Blick zu haben.  Der Autor beklagt die zunehmende Inanspruchnahme von Psychiatern und Psychologen und die daraus entstehende Überdiagnostik dieser Berufsgruppen, die ein Interesse daran haben, normale Konflikte so einzuwerten, dass es sich um Krankheiten handelt, die ein therapeutisches Eingreifen notwendig machen. „Es gibt eine Schublade mit dem Etikett normal, in die werden alle Menschen gepackt, die in Ordnung zu sein scheinen, aber diese Schublade werde von Tag zu Tag kleiner“.

Unter den 8 Grundtypen führt er folgendes aus:

Erstens ADHS:

Dies sei ein Persönlichkeitstyp, der abenteuerlustig sei, spontan und aufgeschlossen. Dieser Typ sei in der Lage sehr flexibel zu sein, abenteuerlustig und kreativ. Dies sei ein großer Vorteil für Berufe, die Flexibilität und Kreativität erfordern und einen hohen persönlichen Einsatz abverlangen.

Der Autor behauptet, dass Ritalin stark abhängig mache, besonders wenn es bei Konzentrationsstörungen eingesetzt werde. 80 Prozent aller Studenten würden zu Ritalin greifen, wenn sie lernen wollten. Diese absurden Zahlen belegt er nicht. Er führt Beispiele auf von einem Jungen, bei dem Ritalin nicht gewirkt habe und der damit ein Zombie gewesen sei. Man habe ihm dann spezielle Aufgaben gegeben und ihn gefördert und dann habe man ganz auf Medikamente verzichten können. Er sei sehr kreativ und sehr intelligent gewesen.

Leider verfügt nicht jeder ADHS-Betroffene über diese Ressourcen. Die Auswirkungen von ADHS auf das Leben der Betroffenen wird komplett bagatellisiert. Man bedenke, dass Barclay gerade eine Studie veröffentlich hat, die belegt, dass ADHS-Betroffene 12 bis 25 Lebensjahre durch ihre Diagnose verlieren, sei es durch Unfälle, Suizid oder eine ungesunde Lebensweise. Das ist mehr als bei einer Krebserkrankung. Die Form der Abhandlung über ADHS ist mehr als unangemessen, weil sie ADHS bagatellisiert und profane Behandlungsvorschläge gemacht werden, die die Auswirkungen von ADHS auf das Leben von Betroffenen überhaupt nicht abbilden. Natürlich will niemand ADHS auch nur behandeln, so lange Betroffene damit in ihrem Leben gut zurechtkommen. Aber ein deutlich ausgeprägtes ADHS wird von dem Autor in seiner Dimension überhaupt nicht verstanden.

Die zweite Persönlichkeit sei die perfektionistische Zwangsstörung.

Diese Menschen zeichnen sich durch Gründlichkeit, Sauberkeit und Perfektionismus aus, die auch im Leben sehr nützliche Eigenschaften sein können. Das bezweifelt natürlich niemand, während eine ausgeprägte Zwangsstörung ein großes Leid mit hohem Krankheitswert für Betroffene darstellt. Es ist auch nichts Neues, dass man Menschen mit einem eher zwanghaft perfektionistischen Charakter einen anderen Beruf nahelegen würde als einem ADHSler.

Die dritte Persönlichkeit sei die schüchterne soziale Anpassungsstörung. Diese Betroffenen hätten eine genaue Beobachtungsgabe und sie seien vorsichtig und ängstlich. Die Angst habe aber auch den Vorteil, dass diese Menschen weniger wagemutig seien und Gefahren voraussehen könnten. Sie seien weiterhin hochempathisch, sensibel, hätten eine gute Beobachtungsgabe, was sie zum Schriftsteller disponiere. Auch seien sie Menschen mit großer sozialer Erfahrung, die Menschen der leisen Töne, die ihre Stärke von innen heraus beziehen. Sie könnten eine große, unabhängige Kraft auf ihrem Lebensweg sowie eine produktive Einsamkeit entwickeln und die Fähigkeit, mit sich selbst zufrieden zu sein.

Der vierte Persönlichkeitstyp sei die erhöhte Wachsamkeit, die in der Extremform sich in eine generalisierte Angststörung entwickeln könne. Diese aber schütze solche Menschen durch eine erhöhte Wachsamkeit gegen Bedrohung und unbedachte Entscheidungen, da sie überall Gefahr wittern.

Jeder Betroffene, der mal eine generalisierte Angststörung hatte, wird sich wenig mit dieser Sicht der Dinge trösten können.

Der fünfte Typ sei der theatralische histrionische Persönlichkeitstyp.

Menschen von diesem Typ zeigten eine überhöhte Emotionalität und strebten nach Aufmerksamkeit. Es sind unsere Schauspieler, die Charme und Charisma haben und die Fähigkeit sich zu unterhalten und sich ins richtige Licht zu setzen.

Leider hat nicht jeder mit diesem Persönlichkeitstyp das Talent zum Schauspieler und so viele erfolgreiche Schauspieler werden wahrscheinlich auch nicht gebraucht. In anderen Berufen werden Betroffene sich schwerer tun.

Der sechste Persönlichkeitstyp sei der ichbezogene und narzisstische.

Diese Menschen hätten ihre Stärken darin, dass sie zielorientiert und ehrgeizig seien. Früher seien sie als Anführer für das Überleben des Stammes wichtig gewesen, mit der Fähigkeit andere zu überzeugen. Sie bestächen durch innere Stärke, Resilienz, gesundes Körpergefühl und sie seien Visionäre. Sie führten ein ichbezogenes Leben. Es habe noch nie einen besseren Zeitpunkt gegeben ichbezogen zu sein. Die Welt liebe und belohne diejenigen, die die vorherrschenden Züge der ichbezogenen Persönlichkeit ausweisen.

Ich glaube, dass wir von diesen Menschen schon viel zu viele haben und ich sehe darin keinen Vorteil.

Die siebte Persönlichkeit sei die bipolare. Diese Menschen hätten eine hohe Energie, seien aber auch schnell erschöpft und litten unter großen Stimmungsschwankungen. Sie seien sehr gesprächig, hätten viele Gedanken, Mut und viel Energie auf hohem Level. Es seien unsere Künstler mit viel Selbstbewusstsein, Lebendigkeit, Enthusiasmus, sowie Tatkraft und Kreativität.

Ja, so einfach ist das, wir lassen unsere bipolaren Patienten jetzt malen und reden, viel einkaufen und einfach lebendig sein. Dann wird es ihnen ganz schnell bessergehen!

Die achte Persönlichkeit sei die magische und schizophrene. Es sei die Welt des Schamanismus, des magischen Denkens und ihre Stärke sei die

Fantasie, ihre Intelligenz, ihre Intuition und ihr Glaube.

Das Fazit des Buches ist: Erkenne dich selbst und deine Stärken und auch, wenn du seelisch krank bist, so gibt es genug Vorteile der Symptome, die deine seelische Krankheit bedingen.

Das ist wirklich eine sehr starke Vereinfachung und ein Affront all den Menschen gegenüber, die unter ausgeprägten seelischen Störungen leiden.

Wir reden nicht über Menschen, die leichte Krankheitssymptome haben, sondern von dem seelischen Leid, das bei Betroffenen und deren Angehörigen durch eine schwerwiegende seelische Erkrankung ausgelöst wird.

Ein typisch amerikanisches Buch, vereinfachend bis hin zu Plattitüden. Wenn jeder seine richtige Nische findet, dann geht doch alles schon viel besser. Das alles, gespickt mit immerwährenden Beispielen, die diese Thesen ohne Studien und Quellen untermauern sollen. Zeitweise gleicht das Buch einem Kochbuch für die Vermeidung von seelischen Erkrankungen und in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten finden solche Bücher wohl reißenden Absatz. Wen wundert das, wenn man einen solchen Präsidenten hat, der ähnliche Rezepte für Wirtschaft und Außenpolitik propagiert?

Nichts Neues und ein sehr verzichtbares Buch.                                                           

Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz

aus neue AKZENTE 111, 3/2018

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