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Pressemitteilung

Erste deutsche Studie zu direkten medizinischen Kosten der ADHS und Kosten der Komorbiditäten über die gesamte Lebensspanne

Publikation: Libutzki et al. “Direct medical costs of ADHD and its comorbid conditions on the basis of claims data analysis [Direkte medizinische Kosten der ADHS und Komorbiditäten auf Grundlage einer GKV-Routinedatenanalyse]”, European Psychiatry.​

ADHS zu haben ist teuer. Eine Studie mit deutschen Versicherungsdaten hat gezeigt, dass die medizinischen Kosten einer Person mit ADHS ca. 1.500 Euro pro Jahr höher sind als die einer Person ohne ADHS. Aber das ist nicht alles: Menschen mit ADHS leiden weitaus häufiger an weiteren Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, Substanzmissbrauch oder Fettleibigkeit. Die Behandlung dieser Komorbditäten kann bis zu 2.800 Euro pro Jahr kosten. Da ADHS - insbesondere bei Erwachsenen - immer noch wenig anerkannt ist und selten diagnostiziert wird, spiegeln diese Zahlen möglicherweise noch nicht das gesamte Bild der ADHS-Krankheitskosten wider. Eine Verbesserung der Diagnosestellung der ADHS und psychischen Gesundheitsvorsorge von Erwachsenen könnte dazu beitragen später psychische Probleme und Kosten zu vermeiden, argumentieren Berit Libutzki und ihre Co-Autoren.

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung) ist eine Entwicklungsstörung. Die Symptome treten meist vor dem 12. Lebensjahr auf und sind durch altersunangemessene Probleme der Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität gekennzeichnet. Die weltweite Prävalenz der ADHS bei Kindern wird auf ungefähr 5% geschätzt, während sie bei Erwachsenen bei circa 2,5% liegt. Dies bedeutet, dass bei etwa der Hälfte der Kinder mit ADHS die Probleme im Erwachsenenalter nicht abnehmen. Für diese Menschen ist ADHS eine lebenslange Erkrankung, die häufig Gesundheit, Beruf und das soziale Leben sowie Umfeld beeinträchtigt.

Um die volkswirtschaftlichen Kosten der ADHS zu schätzen, analysierten Berit Libutzki und ihre Kollegen von der HGC Healthcare Consultants GmbH anonymisierte Krankenversicherungsdaten von fast vier Millionen Deutschen. Sie verglichen die medizinischen Kosten von Personen mit einer ADHS-Diagnose mit denen einer Gruppe ohne ADHS.

Die Ergebnisse zeigten, dass die medizinischen Kosten einer Person mit ADHS im Durchschnitt um 1.508 Euro höher sind als die einer Person ohne ADHS. Diese Kosten sind hauptsächlich auf Behandlungen in Krankenhäusern und durch Psychiater zurückzuführen. An dritter Stelle stehen ADHS-Medikamente (wie Methylphenidat), die jedoch nur 11% der zusätzlichen Kosten ausmachen. Weitere interessante Ergebnisse der Studie sind, dass die medizinischen Kosten bei Frauen im Vergleich zu Männern etwas höher liegen. Auch zeigt sich, dass die Kosten bei Personen über 30 Jahren im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen deutlich erhöht sind: Bei Erwachsenen sinken die Kosten für beispielsweise ADHS-Medikamente im Vergleich zu Jugendlichen und Kindern, während die Kosten für Psychiater und die Kosten für andere Medikamente (nicht zur Behandlung der ADHS) erheblich steigen. Auch ist der Krankenstand hoch, was zu einem erheblichen Kostenanstieg führt. Eine Erklärung für diese Kostensteigerungen könnte eine Versorgungslücke sein: Nach Erlangen der Volljährigkeit fallen Personen mit ADHS aus der regelmäßigen Betreuung durch den Kinderarzt, was dann möglicherweise mit der Entwicklung von zusätzlichen Erkrankungen neben der ADHS zusammenfällt.

ADHS und zusätzliche (psychische) Gesundheitsprobleme

Es ist bekannt, dass Personen mit ADHS ein stark erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Reihe von zusätzlicher (komorbider) Erkrankungen aufweisen. Affektive Störungen - wie Depressionen - und Angstzustände treten am häufigsten auf: zwei Drittel der ADHS-Patienten über 30 Jahre hatten eine solche zusätzliche Diagnose, im Vergleich zu nur einem Fünftel der Erwachsenen ohne ADHS. Auch für Substanzmissbrauch und Adipositas ist das Risiko bei Menschen mit ADHS deutlich erhöht. Diese Komorbiditäten sollten nicht unterschätzt werden, da sie die Krankheitslast der ADHS zusätzlich stark erhöhen. Die Studie zeigt, dass Substanzmissbrauch und krankhafte Fettleibigkeit gerade im Erwachsenenalter die teuersten zusätzlichen Erkrankungen darstellen. Insgesamt sind die Mehrkosten dieser Komorbiditäten für Personen mit ADHS um 1.420 bis 2.715 Euro höher als bei Personen ohne ADHS, die an Depression, Angststörungen, Substanzmissbrauch oder Adipositas leiden.

Wissenschaftler glauben, dass bestimmte genetische Faktoren, die bei ADHS eine Rolle spielen, eine Person auch anfälliger für diese komorbiden Gesundheitszustände machen. Libutzki und ihr Team sind Teil des europäischen Forschungskonsortiums Comorbid Conditions of ADHD (CoCA), das die gemeinsamen biologischen Mechanismen der ADHS und zusätzlicher Störungen untersucht. „Durch weitere Forschung hoffen wir, Anhaltspunkte zu finden, um die Entwicklung solcher Komorbiditäten zu verhindern und die psychosoziale Versorgung zu verbessern.“, sagt der Leiter des CoCA Konsortiums, Prof. Dr. Andreas Reif vom Universitätsklinikum Frankfurt.

"Es ist faszinierend zu spekulieren, dass diese Begleiterscheinungen, die sich im Erwachsenenalter als wichtige Kostentreiber erwiesen haben, verhindert werden könnten, wenn die psychische Gesundheitsvorsorge über die gesamte Lebensspanne konstanter wäre", schreiben die Autoren. „Die Prävention der Entwicklung von Begleiterkrankungen mit zunehmendem Alter sollte im Mittelpunkt der psychischen Versorgung bei ADHS stehen. Eine frühzeitige Behandlung, die in der Kindheit beginnt und sich im Jugendlichen- bis ins Erwachsenenalter fortsetzt, erscheint daher ratsam. “

Verbesserung der Diagnosestellung und der psychiatrischen Versorgung bei Erwachsenen

In der Studie von Libutzki gibt es eine Einschränkung, die auch von den Autoren anerkannt wird: Viele Menschen, insbesondere Erwachsene, haben keine ADHS-Diagnose, obwohl sie Symptome aufweisen. „Unsere Wissenslücke ist im Erwachsenenalter besonders groß“, sagt Dr. Catharina Hartman vom Universitätsklinikum Groningen, Niederlande. „Die Prävalenz von ADHS bei Erwachsenen in den Krankenversicherungsdaten war sehr niedrig (0,2%). In Anbetracht dessen, dass die Bevölkerungsprävalenz für ADHS bei Erwachsenen 2,5% beträgt, deutet dies darauf hin, dass viele Erwachsene mit ADHS derzeit nicht diagnostiziert und behandelt werden. Sie können jedoch hohe direkte Kosten verursachen, da ihre ADHS möglicherweise nicht anerkannt wird, oder sie verursachen indirekte Kosten durch Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.“ Dies würde darauf schließen lassen, dass die in der Studie angegebenen Kosten über alle Altersgruppen noch unterschätzt werden. Andererseits erfahren Erwachsene oft erst nach Rücksprache mit einem Psychiater wegen anderer psychischer Probleme von ihrer ADHS. Dies deutet darauf hin, dass die geschätzten Kosten und die Prävalenz komorbider Erkrankungen mit ADHS im Erwachsenenalter überschätzt werden, da auch nicht-diagnostizierte Personen (z.B. mildere ADHS Fälle) und diagnostizierte Personen, die keine Kosten verursachen, berücksichtigt werden müssen.

Die Studie bietet somit zunächst einen fragmentierten Einblick in die Kosten der ADHS aller Altersgruppen. Sie ist jedoch eine der Ersten, die die Lebenszeitkosten von ADHS und die Kosten der Begleiterkrankungen in Deutschland detailliert aufzeigt. Diese Ergebnisse dürften für andere westeuropäische Länder repräsentativ sein. Den politischen Entscheidungsträgern wird dringend empfohlen, Möglichkeiten zu suchen die psychische Versorgung während des Übergangs vom Kindes- zum Erwachsenenalter zu verbessern und das Bewusstsein für ADHS bei Erwachsenen zu erhöhen. Dies wird nicht nur die Lebensqualität vieler Erwachsener mit ADHS verbessern, sondern kann auch zu monetären Einsparungen führen.

Medizinische Kosten der ADHS - Infographic

Die Publikation wurde online veröffentlicht und ist unter: https://www.europsy-journal.com/article/S0924-9338(19)30019-7/abstract einsehbar. Die Printversion erscheint im Mai (Volume 58; Issue May 2019, Pages 38-44.)
 

Für Presseanfragen wenden Sie sich bitte an:

Berit Libutzki; Email: berit.libutzki@hgc-team.de; Tel.: 0049 162 25 21 618

 

Die Studie CoCA-PROUD

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