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Gut genug genügt

Zehn zeitlose Weisheiten für eine gelassene Erziehung

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Gut genug genügt
Maria Kurz-Adam
Verlag
Reinhardt, 1. Auflage (2021)
ISBN-Nummer
978-3-497030347
Preis
12,00 €

In dem Buch von Maria Kurz-Adam geht es nicht speziell um ADHS, sondern um zeitlose Klassiker der Pädagogik, die bis heute Erziehung und Therapie von Kindern und Jugendlichen prägen. Es werden keine Erziehungsregeln aufgestellt, es gibt kein richtig oder falsch. Ganz im Gegenteil - wie der Titel des Buches schon sagt - plädiert die Autorin für mehr Gelassenheit in der Erziehung. Sie fasst in ihrem Buch ,,Gut genug genügt“, einem Satz des berühmten Psychoanalytikers Donald W. Winnicott, neun Konzepte berühmter Pädagogen und Psychoanalytiker zusammen. Auch deren Persönlichkeit wird in den einzelnen Kapiteln kurz beschrieben.

Nur das letzte Kapitel behandelt den Jugendroman ,,Fänger im Roggen“ von Jerome

D. Salinger, in dem sich der Romanheld Holden Caulfield gegen die Vorstellungen der Erwachsenen auflehnt, wie er zu sein habe. Hier wird nochmal im Kern aufgegriffen, was den Kern vieler vorheriger pädagogischer Konzepte darstellt. Das Kind steht im Vordergrund, nicht das Ziel, das mit einer bestimmten Erziehung erreicht werden soll. Wir sollten uns als Eltern lieber selbst fragen, was sind eigentlich unsere Erziehungsziele, ,,wofür oder für wen“ erziehe ich meine Kinder. Diese Frage stellt auch der Kinderpsychoanalytiker Bruno Bettelheim in seinen berühmten Gesprächsrunden an die Eltern, dem das erste Kapitel des Buches gewidmet ist. Viel zu oft verlieren wir im stressigen Alltag den Blick auf unsere Kinder, lassen uns von den Vorstellungen anderer, der Nachbarn, der Schule oder der Gesellschaft unter Druck setzen. Dabei ignorieren wir oft die wirklichen Bedürfnisse unserer Kinder, die ihr eigenes Entwicklungstempo benötigen. Sehr treffend beantwortet Bettelheim während einer seiner berühmten Gesprächsrunden für Eltern die Frage eines Vaters, wann er selbst seine Kinder der Flasche entwöhnt habe, mit den Worten: „Als sie sagten, sie wollten nicht mehr.“

Was Eltern beim Lesen sehr erleichtern wird, ist, dass es vielen Pädagogen/Therapeuten nicht immer gelang, ihre eigenen Theorien in die Praxis umzusetzen. Auch Bettelheim selbst gehörte zu denjenigen, bei denen der eigene theoretische Anspruch in der therapeutischen Arbeit nicht immer umgesetzt werden konnte. Nach seinem Suizid im Jahr 1990 wurde er von ehemaligen Patientinnen und Patienten beschuldigt, dass er ihnen gegenüber gewalttätig geworden sei. Auch einer der Begründer der modernen Pädagogik und bedeutendster Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, Johann Heinrich Pestalozzi, scheiterte mit seinen pädagogischen Projekten in der Praxis, tragischerweise auch bei seinem eigenen Sohn. In der Theorie erkannte er allerdings den Wert der Bildung, in all seinen Projekten versuchte er, die ,,Volksbildung“ aller Kinder umzusetzen. Er erkannte auch, dass dafür die Grundbedürfnisse der Kinder nach Nahrung, Schlafen, sauberer Kleidung, regelmäßigem Tagesablauf, Schutz, was er unter dem Begriff ,,der allseitigen Besorgung“ zusammenfasst, zuerst erfüllt werden müssen, damit Bildung überhaupt möglich ist. Auch die berühmte Psychoanalytikerin und Kinderpsychotherapeutin Alice Miller, Autorin des Buches ,,Das Drama des begabten Kindes“ konnte ihre eigenen Ansprüche, die sie an Eltern in der Erziehung ihrer Kinder stellte, nicht umsetzen. Ihr eigener Sohn warf ihr in seiner Biografie Misshandlung und Vernachlässigung vor. Sie selbst behauptete, „dass fast jede Form von Erziehung das wahre Selbst der Kinder zu zerstören vermag“. Kinder würden oft missbraucht, um Bedürfnisse der Eltern zu erfüllen und das Kind der Möglichkeit beraubt, sein eigenes Selbst zu entwickeln. Besonders ,,begabte Kinder“ litten darunter, da sie versuchten sich ganz an die Vorstellungen der Erwachsenen anzupassen. Möglicherweise führte die Angst davor, ihren eigenen Sohn zu sehr nach ihren Vorstellungen zu erziehen, zur Vernachlässigung, die er ihr später vorwarf. Erwähnt werden sollte, dass ihre Schriften die Entwicklung zu einer gewaltfreien und respektvollen Pädagogik einen wesentlichen Beitrag leisteten. Das mittlerweile auch in unserem Bürgerlichen Gesetzbuch verankerte Recht auf gewaltfreie Erziehung geht auf ihren Einfluss zurück.

Am meisten beeindrucken mich nach wie vor das Leben und Werk von Janusz Korczak, der mir auch schon aus meinem früheren Studium bekannt ist. Er widmete sein ganzes berufliches Leben als Arzt, Pädagoge und Schriftsteller den Kindern. Er ging sogar gemeinsam mit ihnen in den Tod im KZ Treblinka, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, vor den Nazis zu fliehen. Nicht nur, dass er sein Leben für seine Kinder opferte, sondern auch sein pädagogisches Konzept, dass er durch seine Erfahrungen während der Arbeit mit seinen Kindern entwickelte, machen ihn zu einem außergewöhnlichen Menschen. Er entwickelte nicht nur pädagogische Konzepte, sondern lebte diese. Er war ,,kein Besserwisser“, ,,kein Ratgeber“, er nahm die Kinder so an, wie sie waren. Er betrachtete Kinder als Menschen ,,mit eigenen Rechten“. In dem Waisenhaus in Warschau, das er seit 1911 leitete, etablierte er ein Kinderparlament. Sein Buch ,,Wie man ein Kind lieben soll“ gilt als Begründungsliteratur der Kinderrechte. Seine pädagogischen Konzepte waren vermutlich deshalb so erfolgreich, weil er sie anhand seiner praktischen Arbeit mit den Kindern entwickelte und nicht versuchte, die Kinder nach seinen pädagogischen Vorstellungen zu erziehen. Stattdessen suchte er ,,nach dem Wesen der Kindheit“. Er kritisierte, dass unsere Erziehung zu sehr auf die Zukunft der Kinder ausgerichtet sei. Dies scheint mir auch heute noch so zu sein, anstatt dem Kind ,,das Recht auf den heutigen Tag“ zuzugestehen. Dies wirkt sehr entlastend auf Erzieher und Eltern. Als Mutter eines bereits erwachsenen Sohnes mit ADHS, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass viele Sorgen, die ich mir früher um seine Zukunft gemacht habe, unbegründet waren.

In dem Satz ,,Habe den Mut zu dir selbst und such deinen eigenen Weg. Erkenne dich selbst, bevor du die Kinder zu erkennen trachtest.“ steckt für mich der Kern seiner Pädagogik. Je besser ich mich selbst kenne und zu mir selbst stehe, desto besser kann ich auch die Kinder verstehen und mit ihnen umgehen. Dies entspricht auch meinen Erfahrungen als Mutter und Lehrerin.

Ein wirklich lesenswertes, interessantes Buch, vor allem für Eltern, die verunsichert sind von der ganzen aktuellen Ratgeberliteratur. Auch wenn die in dem Buch beschriebenen pädagogischen und therapeutischen Konzepte schon teilweise vor über 200 Jahren entwickelt wurden, so haben sie in ihrem Kern nichts von ihrer Aktualität verloren.

Stephanie von Keitz