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ADHS ist kein Makel

Hilfreiche Strategien für Kinder und Erwachsene

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ADHS ist kein Makel
Edward M. Hallowell, John Ratey
Verlag
Rowohlt Taschenbuch 4. Auflage (2022) – hier 2017
ISBN-Nummer
978-3-499-00820-7
Preis
15,00 €

Hallowell hat dieses Buch zusammen mit John Ratey geschrieben. Beide sind ohne Frage Pioniere der ADHS-Forschung und Hallowell hat große Verdienste darin, ADHS in der USA publik gemacht zu haben. Er hat sein wichtiges Buch „Zwanghaft zerstreut“ schon vor über 25 Jahren geschrieben und viele gute Bücher mehr.

Dieses Buch ist allerdings nicht sein bestes. Er springt zwischen eigener Betroffenheit und komplizierten neurologischen Zusammenhängen, ebenso wie zwischen ziemlich banalen Ratschlägen, die auf alles passen. 

Manche Beschreibungen über ADHS sind gut, hier ein paar Auszüge:

Unser Kopf gleicht einer Popcornmaschine, die sich nicht abstellen lässt. Der Geist ist hier und dort und überall gleichzeitig. ADHS ist weder ein Leiden noch ein Vorteil, sondern zeigt vielfältige Eigenschaften. Wir entscheiden uns nicht nonkonform zu sein, sondern wir bemerken nicht einmal, was normal ist. Wir haben einen namenlosen Appetit der Kreativität, die sich im Träumen und einer großen Neugierde zeigt. Wir leiden nicht unter einem Defizit an Aufmerksamkeit, sondern wir haben zu viel Aufmerksamkeit für Sachen, die um uns herum passieren. 

Manchmal grübeln wir zu viel. Das Grübeln ist Fluch und Segen. Vision und Inspiration wechseln mit Selbstzweifeln und Mutlosigkeit. 

Langeweile erleben wir als einen Mangel an Stimulation, als mentalen Hirnschmerz, als Notfall und geistige Abwesenheit. Der ADHS-Geist weicht vor Langeweile zurück und entschwindet auf der fieberhaften Suche nach Stimulation. 

Besonders Männer wollen keine Hilfe in Anspruch nehmen. Das ist ein Fehler. 

Hallowell spricht viele Themen an, ein schneller Ritt durch die ganze Palette der ADHS-Symptome, die der Leser entweder weiß und dann ist es nichts Neues oder aber er kann die schnelle Abfolge alle dieser nur kurz angeschnittenen Themen erst gar nicht verarbeiten.

Stakkatoartig: Fear of rejection, Scham-Schuldgefühle, ganz viele Therapieansätze, die es z. T. nicht einmal in Deutschland gibt wie die applied behavior analysis = ABA (eigentlich für Autismus). Dann erklärt er die verschiedene Synchronität der Gehirnnetzwerke bei ADHS (Task positive Network =TPN im Zusammenspiel mit dem default mode network= DMN). Das ist alles ziemlich unverständlich, wenn man nicht vom Fach ist. Dann Yoga, Mediation und Sport, Nahrungsergänzungsmittel, alles mal kurz angerissen und in der Knappheit der Darstellung wenig verwertbar für den Leser. 

Wirklich absurd fand ich dann die Beschreibung der idealen Umgebung für ADHSler.

5-Sterne-Umgebung zu Hause:

Eine fröhliche Grundstimmung, jeder darf sein wie er ist, ausreichende Struktur, Sorgen und Nöte werden immer geteilt, Förderung von Selbstbehauptung, niemals wütend ins Bett gehen, lachen, viel Lachen! Ehrlichkeit, Dankbarkeit, gegenseitige Ermutigung.

5-Sterne-Umgebung bei der Arbeit:

Angstfrei, vertrauensvoll, strukturiert, organisiert, die Verbindung untereinander gefördert, man kann immer ehrlich sein, klare Regeln, man kann so sein, wie man ist, jeder hat die Möglichkeit, die Initiative zu ergreifen und Anerkennung zu erhalten, jeder bekommt seinen Talenten entsprechende Arbeit.

Und zum Schluss noch: Arbeiten Sie smart nicht zu hart. 

Na dann machen wir mal „Wünsch dir was und blenden mal kurz die Realität aus". Falls jemand so einen Arbeitsplatz hat, bitte laut „hier“ schreien! Solche Forderungen machen doch keinen Sinn, wenn sie nicht realisierbar sind, denn wer lebt schon im Paradies? 

Hallowell hat einfach alles mal geschrieben, was er über ADHS weiß, alles so ein bisschen und dabei hat er nicht klar im Auge, für wen er eigentlich das Buch schreibt. Hauptsache wir haben mal darüber geredet. 

Dann kommen Ernährungstipps, die medizinisch sogar in manchem fraglich sind. Bei Omega-3-Fettsäuren (Fischöl) gibt es keine Evidenz, dass das bei ADHS wirkt und die Gabe von Vitamin B und C ist umstritten. Ich kenne keine Studien, die eine 10-mal höhere Drogenabhängigkeit bei unmedizierten ADHS-Betroffenen zeigt. Die Zahl ist viel zu hoch. 

Gänzlich die Fassung hat mir dann aber die Widmung geraubt, die Hallowell seinem Buch vorangestellt hat:

Für Pippy, Money und Ziggy, die uns bis zum letzten Atemzug mit überschwänglich leckender Zunge ihre Liebe bekundeten und Leyla und Max, quicklebendig und von Liebe überströmend. Es ist kein Zufall, dass god rückwärts gelesen dog ergibt.

Das machte mich dann doch etwas ratlos.

Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz