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Dein Parfüm riecht so laut!

Neurodiversität und Stress verstehen. Ein Selbsthilfebuch für Kinder und Jugendliche

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Dein Parfüm riecht so laut!
Simone Hatami, Dennis Hofmann
Verlag
Kohlhammer, 1. Auflage (2026)
ISBN-Nummer
978-3-17-045840-6
Preis
28,00 €

Würde ich alle Passagen gelb markieren wollen, die meinem Erkenntnishorizont zu Neurodivergenz entsprechen, wäre das ganze Buch gelb und der zweite Marker verbraucht, bevor ich die letzte Seite erreicht hätte. 

In den Vorworten von Georg Theunissen und Martin Winkler ist bereits zu erkennen, wie viel mehr als "Krankheit" in dem steckt, was erst seit wenigen Jahren als "Neurodivergenz" beschrieben wird.

Neurodivergenz, die längst als Professur an der Uni in Hamburg ihren Platz in der Wissenschaft gefunden hat.

Winkler schreibt von den "37 offenen Tasks" im Browser, die "uns" an Stressabbau, Yoga etc. hindern und für Laien "chaotisch" wirken lassen.

Schon die Einleitung wendet sich an eine junge Leserschaft, die mit einer "atypischen,  aber nicht kranken“ Wahrnehmungsverarbeitung durchs Leben gehen und oft an Wissensdefiziten ihres Umfeldes oder einer defizitorientierten Medizin scheitern.

Die Beteiligung des Nervensystems an dem zu erläutern, was man früher als "psychische Erkrankung" bezeichnete, ist Kapitel 1 gewidmet.

Mit einfachen Worten, Bildern und Vergleichen wird das der jungen Leserschaft nähergebracht, was ältere Damen und Herren gerne hinter englischen und lateinischen Begriffen verstecken.

Komplexität in wenigen Worten "leicht verdaulich" zusammengefasst.

Das setzt sich in dem Kapitel fort, wo der Teil der Evolution und Neurologie beschrieben wird, der uns mit unseren tierischen Mitgeschöpfen verbindet.

Sinn und Funktion von “Sympathikus" usw. werden anschaulich dargestellt und man beginnt zu begreifen, dass "Impulskontrollstörung" eigentlich "Jagd" oder "Selbstverteidigung" bedeutet. Dass "Konzentrationsstörung" oder "Hochsensitivität" in der Biologie eigentlich "Wachsamkeit" entsprechen.

Man beginnt zu begreifen, dass "Wut" eigentlich nichts mit dem zu tun hat, was bei uns im totalen Stress-Überlauf in die automatisierte Abwehr führt.

Einem basalen Mechanismus, der noch vor 2000 Jahren unser Überleben sicherte (ab Kapitel 4).

Dann ab Kapitel 5 wird die toxische Wirkung des permanenten Overloads dargestellt. 

"PDA", die als "Verhaltensproblem" oft mit psychischer/physischer Gewalt "therapiert" wird, kann man ab Seite 122 als Schutz gegen wiederholte psychische/physische Verletzung kennen lernen.

Dass Depressionen, Ängste etc. und viele physischen Schädigungen "nur" Folgen einer Veranlagung im Sinne einer "nicht artgerechten Haltung" sind, ahnt man ab Seite 131.

Wie in Kapitel 6 dargestellt, wissen wir nicht erst seit der "gender gap", dass wir eben nicht alle gleich "funktionieren". 

Annahmen, die für 9 Personen schlüssig sind,  passen bei Nr. 10 nicht mehr und dass Frauen in der Forschung der letzten Jahrzehnte kaum bis nicht präsent waren, lässt ahnen, wie massiv das Defizit bzgl. des divergenten Teils der neurodiversen Homo sapiens ist.

Die Vielfalt der Wahrnehmung wird im Kapitel in Beispielen dargestellt.

Ab Seite 161 gibt's ein paar Vorschläge für individuelle Lösungen und später ab Kapitel 8 noch Tipps, wo man sich Support organisieren kann. Oft ist die lokale Selbsthilfegruppe der erste Schritt in eine Community, die meist ein Vielfaches an Erfahrungen gesammelt hat, die einzelne Therapeuten/Mediziner oft nur theoretisch vermitteln können.

Ach ja, dass eine Selbsthilfegruppe ein "Jammerverein" wäre, ist ein nur ein Vorurteil. Tatsächlich stellt eine ADHS-, Autismus- etc. Diagnose keinen Widerspruch zum Neurodivergenz-Gedanken dar.

Übrigens: 

Wer beim Betrachten der Seiten die scheinbare "Platzverschwendung" bemängeln wollte, darf sich über neurodivergente Wahrnehmung belehren lassen. 

In diesem Fall sind Zeilen- und Wortabstände sehr gut gelungen, um Personen mit intensiver (hyper) optischer Wahrnehmung das flüssige Lesen zu erleichtern.

Ähnlich wie das auch schon aus einer Serie aus dem Beltz-Verlag bekannt ist, ist die Wahrnehmung von Schrift oder von Zahlen nicht für alle Menschen gleich.

Wäre das Buch z.B. mit heller Schrift auf dunklem Papier gedruckt worden, wäre es für mich noch leichter zu lesen.

Die Zusammenfassungen in abgesetzte Blöcke zu setzen, ist ebenfalls sehr hilfreich, und die Grafiken gönnen dem Auge etwas Ruhe, bevor man umblättert.

Zusammenfassend würde ich das als Standardlektüre für angehende Lehrende, Erziehende u. ä. Berufe empfehlen, da Kinder/Schüler/Jugendliche mit (teilweise) anderer Wahrnehmungsverarbeitung nach meiner Erfahrung in weit höherer Zahl in Kitas, Schulen und Hochschulen zu finden sind als in sog. Förderschulen.

Auch für Architekten, Städteplaner und andere Berufszweige, die sich mit den Lebensräumen von Menschen befassen, wäre das Buch eine sinnvolle Studienlektüre, da die Barrieren für neurodivergente Menschen schon in der Planungsphase vermieden werden könnten.

Also lange bevor sich Barrieren in psychischen Folgestörungen auswirken.

Wie "normal" und wertvoll eine Wahrnehmung abseits der Bevölkerungsmehrheit ist, gewinnt mehr und mehr Raum im Bewusstsein einer aufgeklärten Gesellschaft, so dass eine "reparierende Medizin" ihre Aufgaben zukünftig weniger im "Umerziehen", "Anpassen" oder "Zurechtstutzen", sondern in Prävention, Aufklärung und Unterstützung sieht.

Liebe Autoren, ich bin froh, ein solches Fachbuch aus der Feder Betroffener zu lesen, statt die un-empathischen oder verletzenden Zitate von Medizinern des letzten Jahrhunderts ertragen zu müssen.

Danke für dieses Buch!

Ich freue mich auf Fortsetzung eins und zwei.

Euer Stefan