Kinder und Jugendliche mit Gewaltfreier Kommunikation stärken
Worte und Zauber waren ursprünglich ein und dasselbe. Es war Sigmund Freud, der dies feststellte und mit seinen Annahmen eine bis dato völlig andere Sicht auf die Verbindung von Körper und Geist begründete. Danach erweiterte Paul Watzlawick die Theorie Freuds um eine konstruktivistische, systemische Ebene. Über die Magie der Worte im Dialog entstanden nun unzählige Techniken und Regeln für verschiedene Einsatzgebiete. Beherrsche man die richtige Technik, so werden sich Erfolge auf magische Weise einstellen. Klingt das nicht zauberhaft? Eine dieser Techniken, die insbesondere auf die Prävention und Lösung von Konfliktsituationen abzielt, ist die Gewaltfreie Kommunikation. Allein das Wort „gewaltfrei“ löst bei mir Unbehagen aus, impliziert es doch, dass alle andere Kommunikation aggressiv und gewalttätig sei. Um dieses gewaltige Wort zu verstehen, muss man sich in die Geschichte des Konfliktmediators Marshall B. Rosenberg hineinversetzen, der im 20. Jahrhundert unter der Politik der Rassentrennung in den Südstaaten der USA aufwuchs und wirkte. Beruhend auf den Erkenntnissen Carl Rogers entwickelte er ein Konzept, das Konflikte auf einfühlsame und respektvolle Weise lösen soll, indem die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden. So verstanden möchte ich das für mich negativ belastete Wort „gewaltfrei“ durch „wertschätzend“ ersetzen, ohne dem Konzept widersprechen zu wollen.
Das Buch widmet sich also der wertschätzenden Kommunikation bei Kindern (weniger Jugendlichen) mit ADHS. Gerade wir Menschen mit ADHS/ASS haben oft Probleme, die Bedeutung von Worten zu verstehen oder sind längst betäubt vom Rausch aneinandergereihter Symbolträger. Ein Blick in die Gegenwart unserer Kinder (mit und ohne ADHS) zeigt, dass ihr Alltag tatsächlich oft geprägt ist von doppeldeutigen Botschaften, von Sarkasmus und rigiden Vorschriften. Unser Alltag ist oft alles andere als wertschätzend und für eine gelungene Interaktion braucht es gute, positive Strategien. Die Autorinnen berichten aus eigener Erfahrung, da sie selbst von den Herausforderungen der Erziehung von Kindern mit ADHS betroffen sind. Dies gibt dem Buch einen authentischen, praxisnahen Charakter und verleiht ihm die Glaubwürdigkeit eines echten Erfahrungsberichts von Eltern für Eltern. Es geht darum, die alltäglichen Herausforderungen zu bewältigen, dabei aber auch Selbstfürsorge zu betreiben.
Die ersten Kapitel führen den Lesenden über die Grundlagen des Konzepts wertschätzender Kommunikation durch den typischen Familienalltag hin zu den Bedürfnissen des Kindes. Hier beschreiben die Autorinnen hilfreiche Strategien und Anregungen für das Verständnis des ADHS und geben Tipps, wie konfliktbeladene Situationen umgangen oder gelöst werden können. Anregungen, die mit wenig Aufwand in jedem Haushalt einsetzbar sind, erweitern den Text. Viele Beispiele, Übungen und konkrete Schritt-für-Schritt-Pläne machen es einfach, sich als Erziehende im beschwerlichen Alltag mit dem Kind wiederzufinden und passende Impulse oder Tipps zu entnehmen. Die vorgeschlagenen Übungen und Spiele sind kein Novum in der Welt des ADHS, können aber doch gerade junge Eltern dazu ermutigen, Beziehungsgeflechten innerhalb der Familie nachzuspüren und zunächst in Selbstreflexion zu gehen. Der letzte Abschnitt widmet sich der Selbstempathie und Selbstfürsorge der Eltern, denn nur wer mit sich selbst ehrlich und wertschätzend umgeht, kann dies auch mit anderen tun.
Für Lesende mit ADHS kann es anstrengend sein, der erzählerischen Art und Weise zu folgen und unter vielen Umschreibungen, Füllwörtern und Selbstoffenbarungen den eigentlichen Sinn herauszufiltern. „… denn sie haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne …“, heißt es auf dem Umschlag. Ja, wäre gut, wenn die Autorinnen dies bedacht hätten. Wer also „kurz und knackig“ bevorzugt, wird mit diesem Buch auf eine harte Probe gestellt. Nachdem im ersten Teil viel heiße Luft abgelassen wird, erreicht der wirklich bereichernde Input die Lesenden erst etwa in der Mitte des Ratgebers. Die den Text begleitenden Formulierungsideen für die Kommunikation mit dem Kind sind teilweise umständlich und schwammig. Aus der Perspektive des (ADHS-)Kindes sollte bedacht werden, dass nur eindeutige, klare Botschaften in einem recht kleinen Zeitfenster aufgenommen werden können. Insofern sollten Eltern darauf Acht geben, ihre Forderungen nicht zu zerreden und ihr eigenes Zeitfenster für Kommunikation ebenso wertzuschätzen wie die Kommunikation selbst. Guter Zauber will gelernt sein, braucht Zeit, Übung und vor allem Willenskraft. Wer nicht an Magie glaubt, wird sie niemals entdecken (Roald Dahl).
„Die Kraft der Worte“ ist ein psychologischer Ratgeber, der den anspruchsvollen Inhalt wertschätzender Kommunikation in einfacher und fast kumpelhafter Art darstellt und es den Lesenden damit ermöglicht, auf Augenhöhe angesprochen zu werden; auf jeden Fall empfehlenswert für Eltern, die den Mut haben, sich selbst zu hinterfragen und aktiv daran arbeiten wollen, harmonische und selbstwertstärkende Beziehungen zu leben.
Evelyn Biehl, Dipl.-Med.-Päd.