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Das Stigma psychischer Erkrankungen

Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung

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Das Stigma psychischer Erkrankungen
Nicolas Rüsch
Verlag
Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 1. Auflage (2020)
ISBN-Nummer
978-3-437-23520-7
Preis
32,00 €

Nicolas Rüsch ist Philologe, Psychiater und Professor für Public Mental Health. Er erfasst in seinem Buch die Entstehung, Aufrechterhaltung und Folgen von Stigma (griech. Wundmal, Stich oder eine Art Brandmal) gegenüber Menschen mit psychischer Erkrankung innerhalb unserer Gesellschaft. Dazu nutzt er internationale Studien und erklärt anhand von vielen Beispielen, wie aus (unscheinbarem) Verhalten die Wahrnehmung von Anderssein, Auffälligem und Abweichendem entstehen kann. Daraus ergeben sich vor allem in unserer leistungsorientierten Kultur schnell negative Annahmen, Vorurteile und schließlich Diskriminierung von Individuen, die nicht in das vorgegebene Schema passen. Ein Stigma entsteht dann, wenn einzelne Eigenschaften – im medizinischen Sprachgebrauch „Symptome“ – einer oder weniger Personen auf eine ganze Gruppe ähnlich agierender Individuen übertragen werden. Wir alle besitzen solche Stigmata, ob wir es zugeben oder nicht. Das menschliche Gehirn ist ein soziales Organ, deshalb entstehen schnell Fehlinterpretationen und unsere Wahrnehmung fügt Erfahrungswissen und das, was wir innere Haltung oder Meinung nennen, zu einer bestimmten Denkstrategie zusammen, die letzten Endes automatisiert wird. Dies dient dem Erhalt unseres Weltbildes und sichert uns die Stellung in der Gesellschaft. In diesem Sinne führt Anderssein zwangsläufig zu Stigmatisierung, denn jede abweichende Verhaltensweise gefährdet ja diese Stellung. Die Angst vor Ausschluss ist tief in unserem Unterbewusstsein verankert und öffnet damit Tür und Tor für Stigma. Das diese Angst durchaus berechtigt ist, zeigt der Autor anhand geschichtlicher und politischer Ereignisse. Er beleuchtet kurz Konstrukte und Modelle aus den Natur- und Sozialwissenschaften, mit denen sowohl Abweichungen vom Normalverhalten als auch die Entstehung von Stigmata erklärt werden sollen. Außerdem geht er auf strukturelle Diskriminierung und den Einfluss der Medien ein. In den letzten Abschnitten setzt sich das Buch mit Anti-Stigma-Arbeit weltweit auseinander und spätestens hier wird klar, dass es außerordentlich viele Barrieren gibt, die teilweise durch die Politik, eine unklare Gesundheitsökonomie, aber auch durch ausgeprägte Besitzstandswahrung im Helfersystem zustande kommen. 

Eine bedeutende Information, die ich herauslesen konnte, war dass ich mich als Mensch mit psychischer Diagnose in großen Teilen selbst stigmatisiere. Nämlich indem ich meine Erkrankung verschweige, kleinrede, mich dafür schäme, mir nicht erlaube, eine eigene Meinung zu haben oder sogar glaube, ich sei selbst schuld an allem. Ich verweigere mir selbst den Weg zu einem guten Leben mit meiner psychiatrischen Diagnose. Selbststigmata ist bei Menschen mit psychischen Erkrankungen weit verbreitet. Dazu gehört auch, dass selbst Angehörige und Mitbetroffene eine selbststigmatisierende und teilweise diskriminierende Haltung zeigen. 

Menschen können in vielerlei Hinsicht stigmatisiert werden. Rüsch erklärt auch die prekäre Lage von Menschen mit mehreren stigmatisierten Identitäten und weist darauf hin, dass sich dadurch die Folgen von Stigma vervielfachen. Weiterhin beschreibt er Stigmata bei Erkrankungen wie Autismus, Bipolare Störung, Borderline-Persönlichkeit, Demenz, Sucht, Intelligenzminderung, Essstörungen und Suizid. Die Diagnose Schizophrenie scheint als besonders hartnäckig und nachhaltig verstörend auf die Gesellschaft zu wirken, was mit mehreren Studien belegt wird.     

Auch die Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass psychische Erkrankungen einerseits zwar eine Aufklärung erfahren, andererseits aber menschliche Merkmale psychologisiert und in Symptome zerlegt werden. So fühlen sich Zuhörende schnell angesprochen und hinterfragen ihr eigenes Selbstkonzept. Dabei ist es leider nicht egal, von welcher Erkrankung gesprochen wird. 

Kapitel mit Erfahrungsberichten zweier Psychiatrie-Erfahrener und Profis schildern Denkansätze aus den eigenen Reihen und runden die Studienlage ab. Die Beiträge dieser zwei Frauen haben mich besonders beeindruckt und wieder erkenne ich, wie Mensch an den Erfahrungen anderer Betroffener lernen und wachsen kann. Aus diesem Grund ist die Organisation in Selbsthilfegruppen und Vereinen so wichtig. 

Im zweiten Teil des Buches erfährt der Leser, wie schwer es sein kann, als Mensch mit psychischer Erkrankung in den Bereichen Arbeit, Wohnen, im Gesundheitssystem und in den Medien als Mensch wertschätzend wahrgenommen zu werden, nicht als Störenfried im eigenen Weltbild, nicht als Schmarotzer des staatlichen Wohlwollens, nicht als belächelter Einzelgänger. Daran schließen sich Abschnitte zum Abbau des öffentlichen Stigmas, wo diskutiert wird, welche Ansätze und Strategien zum Abbau beitragen können und wo es Grenzen gibt, schließlich ist Stigma kulturell, politisch und geografisch gewachsen und vereint vielerlei intrapsychologische und soziologische Prozesse.     

Anti-Stigma-Arbeit bedeutet nach den Worten des Autos, das sich gesellschaftspolitisch, aber auch in den Köpfen der Allgemeinbevölkerung, von Arbeitgebern und vor allem Profis im Gesundheitssystem noch viel ändern muss, bis Menschen mit psychischen Erkrankungen genauso unterstützend und verständnisvoll begleitet werden wie etwa Menschen mit einer Krebserkrankung oder Menschen mit sichtbaren körperlichen Einschränkungen. Menschen mit psychischen Erkrankungen sollten ihre Diagnosen und Erfahrungen unbedingt offenlegen, da nur dadurch ein Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung erfolgen kann. Nicht zuletzt warnt er aber auch vor dem Gegenteil und nennt wiederum bekannte Aktivist*innen wie zum Bsp. Greta Thunberg, die für ihre Botschaft von hochrangigen Politikern und einer breiten Öffentlichkeit den Stempel als „schwer gestört“ erhielt.

Was ist zu tun, um Stigmata abzubauen und die Gesellschaft für alle Individuen gleichsam attraktiv zu machen? Wir alle erleben strukturelle und persönliche Diskriminierungen, vor allem dann, wenn es um begrenzte Ressourcen geht. Schließlich argumentiert Rüsch die tatsächliche Barrierefreiheit für Hilfesuchende. Sicher sind die Hilfsangebote deutlich angestiegen und Betroffenen wird, sofern sie dies wollen, eine ganze Reihe von Angeboten gemacht. Das Problem ist nur, das passende Angebot zur richtigen Zeit am richtigen Ort in Anspruch nehmen zu können, und nicht im Streit um Zahlungsmittel und verzögerte Verfahren unterzugehen. Erschreckend aber wird dem Leser mit Studien belegt, dass Interventionsangebote und Präventionsprogramme in der Allgemeinbevölkerung keine Wirkung zeigen. Muss ein Mensch zwangsläufig erst erkranken, um sich dem Thema zu öffnen oder ist es eine menschliche Eigenschaft, potenziell gefährliche Risiken zugunsten des Selbstschutzes auszublenden? Und Selbstschutz – zumindest der des eigenen Fachwissens bzw. der vorgezogenen Therapieschule – betreiben auch viele Psychiater*/Psycholog*/Therapeut*innen und andere Profis. Auch damit tragen sie zu Vorurteilen und unausgewogenen Machtverhältnissen bei. Und wer die Macht hat, bestimmt die öffentliche Meinung. Nicht zuletzt in den sozialen Medien, sondern auch auf der Straße, am Küchentisch und im Schlafzimmer sollten wir alle dazu beitragen, unsere Gesellschaft als vielseitige Gemeinschaft zu sehen und zu schützen. 

Schlussfolgernd aus dem Text gewinne ich die Erkenntnis, dass nur wir als Betroffene uns aus dem Sumpf der Diskriminierung herausziehen können, indem wir offen über unsere Erkrankung sprechen, unserer Sicht nach außen ausdrücken, aber Nichtbetroffene davon nicht ausschließen oder sie sogar unsererseits diskriminieren. Wir sitzen schließlich alle in einem Boot, es gibt nicht ein Meer für „Stinos“ (neurotypische Menschen) und eine Pfütze für uns. Wir müssen in Kontakt miteinander kommen, wenn wir teilhaben wollen. 

Wohl gemerkt, das Buch handelt nicht von ADHS oder Neurodivergenz und untersucht nicht den Krankheitswert einzelner Diagnosen. Ich verstehe es eher als Kompendium sozialpsychologischer Stigmata und möglicher Auswege. In diesem Sinne empfehle ich allen Menschen dieses Buch, ein Muss für Menschen in der Selbsthilfe! 

Evelyn Biehl, Dipl.Med.Päd.