Wie ich als Erwachsene herausfand, dass ich AD(H)S habe
Hier ist ein neues Buch über das Thema ADHS. Okay, aber es gibt jedes Jahr neue Titel darüber. Gut, es geht auch wieder um Diagnose, Prokrastination, Zeitmanagement, Komorbiditäten, Hyperfokus usw.
Ist das noch spannend? Auf jeden Fall!!
Zunächst ist die Autorin sehr erfolgreich - über 50.000 verkaufte Exemplare, über 23 Wochen auf der Spiegelbestsellerliste unter den TOP 20, rund 80.000 Follower auf Instagram. Und das auf Anhieb als unbekannte Autorin. Auch wenn sie dafür sicherlich ihren Instagram-Kanal @kirmesimkopf und andere Social-Medias genutzt hat, muss man das erst mal schaffen.
Es gibt auch gute Gründe, warum der Titel so viel Erfolg hat.
Da ist die Ehrlichkeit, mit der Angelina Boerger über sich schreibt. Sie steht offen dazu, ADHSlerin zu sein. Da ist die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Sie traut sich, über unangenehme Erlebnisse auch humorvoll zu erzählen. Weiter präsentiert sie viele Fakten und ihre eigenen Gedanken zu diesem Thema. Vorschläge für Strategien, Therapien, Verhaltensmöglichkeiten gibt es hier allerdings nicht. Das Buch ist kein Sachbuch, sondern ein Erfahrungsbericht.
Sie hat mit 29 Jahren ihre Diagnose erhalten. Darauf gestoßen ist sie zufällig, als sie in ihrer Funktion als Journalistin über eine WDR-Talkshow berichten sollte. Die Konzentration war bereits ermattet, als in der 35. Minute eine junge Frau anfing, über ihre ADHS zu sprechen. Angelina erkannte sich in jedem Wort wieder und war auf einmal hellwach. Dieser Moment wird für sie zum Schlüsselerlebnis und die Diagnose wird zum Fahrschein für eine neue Entwicklung.
Als Journalistin - sie arbeitet als Freelancerin sowie auf Instagram für @maedelsabend und beim WDR2-Podcast „Von Müttern & Töchtern“ und als ADHSlerin beschäftigte sie sich nächtelang damit, alles über das Thema herauszufinden. Sie hat viel im englischsprachigen Raum, besonders in den USA und Australien, recherchiert. In diesen Ländern ist die Forschung deutlich weiter als in Deutschland. Sie hat offensichtlich unzählige Bücher und Internetseiten gelesen, sich durch viele Studien und Statistiken gewühlt und diverse Gespräche mit ADHS-Menschen geführt. Und als sie bei Instagram nicht viel zu dem Thema gefunden hat, hat sie ihren eigenen Kanal aufgemacht.
Das Ergebnis ist ein sehr gründlich recherchiertes und kurzweiliges Buch. Angelina
Boerger vermittelt natürlich die Basics wie u. a. Dysfunktion des Gehirns, Diagnostik und Medikamente und erklärt viele Facetten von ADHS – welche Symptome, Auswirkungen und Vorteile dazugehören. Alle Kapitel aufzuführen, würde hier den Rahmen sprengen.
Sehr spannend fand ich das Kapitel „Wieso uns das Thema alle kostet“, indem sie anhand einer australischen Statistik erklärt, wie teuer nicht oder schlecht behandelte
ADHS für die Gesellschaft ist. Wenn man die Kosten von Krankheiten, Unfällen, Arbeitslosigkeit, Justiz, Bildungswesen und reduzierten Steuereinnahmen addiert, macht das für die ADHS in Australien rund 10 Milliarden US-Dollar aus. Bezogen auf Deutschland beläuft sich der Betrag bei rund 2,65 Millionen Betroffenen auf schlappe 35,2 Milliarden Euro. Das sind „beeindruckende“ Zahlen.
Wunderbar ehrlich ist ihre Geschichte über abschweifende Aufmerksamkeit, als sie unter der Dusche bei lauter Musik vergisst, dass ihr Freund mit dem Hund bei Regen ohne Schlüssel, da sie ja zu Hause ist, rausgegangen ist. Er soll nicht erfreut gewesen sein.
Und es ist sehr persönlich, wenn sie über ihre ausgeprägte Phobie vor Spinnen und allem, was fliegt, berichtet.
Für Angelina Boerger ist ADHS keine Funktionsstörung, erst recht nicht eine Krankheit. Es ist für sie ein Identifikationsmerkmal und sie spricht lieber von ADHSler:innen oder ADHS-Menschen als von Betroffenen. Vor allem möchte sie mit ihrer Arbeit, also dem Buch, den Social-Media-Kanälen, den Lesungen, den Radiobeiträgen und noch vielem mehr zur Aufklärung und Information über das Thema beitragen. Das Buch sieht sie als Anfang und es richtet sich an alle. Jeder sollte verstehen lernen, dass Menschen, die „anders“ sind, einen Teil der Gesamtheit und Gemeinschaft ausmachen. Dazu zählt sie auch andere Störungsbilder.
Die Autorin erzählt ihre eigene Geschichte. Alles, worüber sie spricht, nimmt man ihr ab. Das macht sie in einem lockeren, verständlichen Ton. Angelina Boerger bleibt immer authentisch. Und das macht die Stärke des Buches aus.
Monika Volkmann