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ADHS – unter der Spitze des Eisbergs

Strategien für Partnerschaften und Familien

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ADHS – unter der Spitze des Eisbergs
Ruth Huggenberger
Verlag
Hogrefe, 1. Auflage (2022)
ISBN-Nummer
978-3-456-86121-0
Preis
25,00 €
Kaufen bei Diana Künne, Pädagogischer Verlag und Buchhandlung

Der Buchtitel „ADHS – unter der Spitze des Eisbergs“ illustriert meines Erachtens treffend die Erfahrung, die viele von ADHS betroffene Familien machen: Nämlich, dass sich unter ihren offensichtlichen Problemen in Partnerschaft und Familie nicht nur ein Problem mit dem Gehirnstoffwechsel verbirgt, sondern auch ein enormer – wenn auch nicht sichtbarer - Berg von in der Kindheit und im Laufe des Lebens erlittener seelischer Verletzungen, die wiederum zu einer ganzen Reihe von ungesunden Abwehrmechanismen geführt haben, die es zu erkennen und verstehen gilt, um einen persönlichen und familiären Schiffbruch hoffentlich noch abzuwenden.

Nun ist das Buch von Frau Dr. Huggenberger aber weit unpoetischer als der Titel ihres Buches. Auf sachliche Weise schildert die einfühlsame Schweizerin vor dem Hintergrund sehr ausführlicher Fallbeispiele aus ihrer psychologischen Praxis, welche typischen Phänomene Partnerschaften und familiäre Systeme bei nicht erkannter ADHS aufweisen und wie diese entstanden sind. Sie zeigt weiterhin auf, wie den jeweiligen Personen und Familiengefügen geholfen werden konnte, die Ursachen und zugrundeliegenden Mechanismen aufzudecken und zu bearbeiten. Überdies enden die meisten Titel mit einer Reihe von knappen Tipps, die mir zum Teil sinnvoll erscheinen.

 In diesem Sachbuch geht es um die von vielen Menschen mit ADHS empfundene überdimensionale Verletzlichkeit, um impulsiv-emotionale Wutausbrüche, um Missverständnisse und kommunikative Schwierigkeiten, um idealistische Vorstellungen bei der Familienplanung und die Realität des Elternseins, um Überforderung und Logorrhö und vieles mehr. Allesamt Themen, die im Leben von Menschen mit ADHS zu erheblichen Problemen im Miteinander führen können, und die die Autorin in ihrer Arbeit mit ADHS-Betroffenen genau beobachtet und analysiert hat.

Der umfangreichste Teil des Buches beschäftigt sich aber mit den „Abwehrmechanismen bei Menschen mit ADHS und deren Folgen für Partnerschaft und Familie“. Frau Dr. Huggenbergers Erklärungen zu Mechanismen wie Prokrastination, Verdrängung, Verleugnung, Kompensation, Projektion und mangelnder Abgrenzung zum Beispiel sind so anschaulich geschrieben und durch die Beispiele aus der Praxis so greifbar gemacht, dass auch Leser, die sich noch nicht großartig mit diesen Themen auseinandergesetzt haben, viel darüber lernen können, aus welchen Gründen wir diese Mechanismen entwickeln und welche Auswirkungen diese auf unser Zusammenleben haben können.

Sehr aufschlussreich sind auch die Unterkapitel, in denen es vor allem um die Abwehrmechanismen in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern geht. So beleuchtet ein Fallbeispiel die Idealisierung eines ADHS-betroffenen Jungen durch seinen Vater, der seinen Sohn auf diese Weise abhängig von sich macht. Ein anderer Fall schildert die langsam voranschreitende Hierarchieumkehr in einer Familie, die darauf hinausläuft, dass die Eltern sich völlig nach den Launen und Wünschen ihres impulsiven Sprosses richten. Ein Zustand, unter dem sowohl das Kind als auch seine hilflosen Eltern leiden. Ein wieder anderes Beispiel betrachtet das Phänomen der Parentifizierung eines Mädchens, das Verantwortung übernehmen musste für all die Aufgaben, die seine ADHS-betroffenen Eltern nicht zu erledigen wussten.  Die Autorin bleibt aber nicht bei der Darstellung des Ursprungs und der Beschreibung dieser Probleme, sondern richtet ihr Augenmerk auf die Auflösung der dadurch entstandenen Konflikte.

Sympathisch erscheint mir auch der „Ausblick“ am Ende ihres Buches, bei dem Ruth Huggenberger in Form eines weiteren Fallbeispiels von ihrem eigenen Kurzurlaub mit ihrer Freundin Saskia erzählt, deren positive ADHS-Eigenschaften sie auf diese Weise ehrt. Ganz offensichtlich ist es Ruth Huggenberger ein Anliegen, bei aller Tragik der beschriebenen Probleme nicht die unschätzbaren Ressourcen von Menschen mit ADHS zu vergessen. 

Mir gefällt das Buch, denn es hat mir viel über mich, meine Familie und die menschliche Psyche gezeigt. Allerdings habe ich mehrere Anläufe für die Lektüre gebraucht, da es zum einen inhaltlich sehr umfangreich ist und zum anderen die langen Fallbeispiele und die ausführlichen Zusammenfassungen dieser Fallbeispiele sehr viel Platz einnehmen. Einige Wochen nach der Lektüre war zudem vieles schon in Vergessenheit geraten. Mehr bildliche Darstellungen, weniger klein geschriebener Text und eine generelle inhaltliche Reduzierung hätte ich als hilfreich empfunden. Aber so geht es mir mit sehr vielen AD(H)S-Sachbüchern, zu deren Zielgruppe ich doch eigentlich gehöre ...  So geht es nicht nur mir: Teilnehmer meiner Selbsthilfegruppe drücken mir regelmäßig Bücher, die ich zur Ansicht und ggf. zum Ausleihen mitbringe, direkt wieder kopfschüttelnd in die Hand: „Wie soll ich das denn lesen? Kannst du es mal kurz zusammenfassen?“

Was dieses Buch trotzdem auf jeden Fall sehr deutlich zeigt: Es ist immens wichtig, dass eine bestehende ADHS so früh wie möglich diagnostiziert wird, am besten schon im Kindesalter, denn so kann den Betroffenen und ihren Angehörigen viel Leid erspart bleiben. Mögen auch viele Sozialarbeiter, Ärzte, Psychologen und Psychiater dieses Buch in die Hände bekommen und ein tieferes Verständnis für die Auswirkungen von ADHS auf die psychische Gesundheit und auf familiäre Systeme entwickeln.

Vera Bergmann