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Immer dieser Michel

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Immer dieser Michel
Astrid Lindgren
Verlag
Oetinger; 3. Edition (2021)
ISBN-Nummer
978-3-7512-0187-2
Preis
18,00 €

Dieser schwedische Kinderbuchklassiker von Astrid Lindgren feierte 2023 sein 60-jähriges Erscheinen.

Obwohl Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt, hat er in Zeiten von steigenden ADHS-Diagnosen nichts an seiner Aktualität eingebüsst. So wird so manchem mit ADHS vetrautem Leser diese Diagnose beim Verhalten des sympathischen, kreativen 5-jährigen Michel aus Lönneberga in den Sinn kommen. Auch ADHS-Kinder selbst können sich vielleicht beim Zuhören oder Lesen mit dem Jungen identifizieren. Michel hat immer 1000 Ideen, doch viele davon sind für seine Eltern und auch die anderen Erwachsenen der Kategorie Streiche oder Unfug zuzuordnen. Er steckt seinen Kopf in die Suppenschüssel, um den letzte Schluck Suppe zu trinken und bekommt ihn nicht mehr heraus, hängt seine kleine Schwester am Fahnenmast auf und stellt die Mausefalle unter dem Esstisch auf, sodass sein Vater sich die Zehe darin einklemmt.

Im Buch wird Michel so beschrieben: »Er war ein wilder und eigensinniger Junge, … die Hauptsache war, dass Michel seinen Willen bekam, damit nahm er es genau. Und vor allem durfte es nicht so sein, wie seine Mama wollte. …er wollte über Mama und Papa bestimmen, über ganz Katthult und am liebsten noch über ganz Lönneberga. Die Leute von Lönneberga aber sagten über ihn: „Sie können einem leidtun, die Svenssons auf Katthult, die einen solchen Lausejungen zum Sohn haben. Aus dem wird nie was“, … obwohl er nett aussah, wenn er nicht gerade schrie. …. Mit seinen runden blauen Augen und dem hellen wolligen Haar könnte man Michel fast für einen Engel halten- wenn er schläft. Aber wenn er nicht schläft, dann hat er mehr Unsinn im Kopf als irgendein anderer Junge in ganz Lönneberga oder ganz Småland oder ganz Schweden oder vielleicht sogar auf der ganzen Welt!»

Michels Vater versucht Michel in der früher üblichen, autoritären Art zur Vernunft zu bringen: Michel wird für seine Taten bestraft, der Vater sperrt ihn in den Tischlerschuppen ein. Dort weiss Michel sich nicht anders zu beschäftigen, als Holzmännchen zu schnitzen. So heisst der 2. Einzelband «Michel muss mehr Männchen machen»- eine Anspielung darauf, dass er auch in der Fortsetzung viele einsame Stunden im Schuppen verbringen wird. Am Ende des Buches sind es gar 369 solcher Männchen.

Michel ist im ganzen Dorf bekannt und berüchtigt. Sein Ruf als Lausbub eilt ihm voraus und viele Dorfbewohner wollen nichts mit ihm zu tun haben. Auch dies ist etwas, dass leider von ADHS betroffene Kinder und ihre Eltern oft erleben: Vorurteile und Ausgrenzung in der Schule oder im Viertel, bis hin zu Sündenbock-Zuschreibungen: Wenn ein Kind etwas angestellt hat, heisst es, es sei sicher wieder das ADHS-Kind gewesen! Im Buch geht dies so weit, dass die Dorfgemeinschaft Geld sammelt und es Michels Mutter bringt, damit sie ihn nach Amerika schicken kann. Die Mutter jedoch weigert sich das Geld anzunehmen: Sie steht hinter ihrem Sohn und es kommt für sie nicht in Frage, ihn aufgrund der Schwierigkeiten, die er macht, wegzuschicken. Wütend antwortet sie: „Michel ist ein netter kleiner Junge und wir haben ihn lieb, so wie er ist!“ Die Magd Lina ist auch gestresst und überfordert von Michel, sie geht ein wenig später in der Geschichte sogar so weit, zu äussern, in Amerika habe es kürzlich ein schweres Erdbeben gegeben- den Menschen dort können man nicht auch noch Michel zumuten!

In einigen der Geschichten im Buch zeigen sich aber auch die Ressourcen von Michel, die er mit vielen ADHS-Kindern gemeinsam hat: Er ist schlau und geschäftstüchtig, treibt immer wieder Geld auf oder ersteigert Dinge oder Tiere. Tiere sind überhaupt eine der grossen Leidenschaften von Michel, er liebt sie, hat auf diesem Gebiet ein grosses Wissen und viele Kompetenzen, oft findet er einen besseren Umgang mit ihnen als die Erwachsenen. 

In einem Kapitel holt Michel die Bewohner des Armenhauses zu ihnen auf den Hof und bereitet ihnen ein Weihnachts-Festessen, er hat also ein grosses Herz und viel Mitgefühl für Menschen, denen es nicht gut geht. 

Und auch der Schluss des Buches zeigt seine unendliche Loyalität, seinen Mut und seinen Durchhaltewillen:

Sein geliebter Freund und Knecht auf dem Hof seiner Eltern, Alfred, ist wegen einer Blutvergiftung schwer krank und liegt im Sterben. Ein Schneesturm macht es unmöglich, ihn für medizinische Versorgung in die nächste Stadt zu bringen. Michels Eltern geben Alfred auf und erklären Michel, dass er keine Chance mehr habe. Doch Michel kann das nicht akzeptieren und bleibt stur: Auf eigene Faust bringt er Alfred mitten in der Nacht ganz alleine durch den Schnee mit dem Schlitten zum Arzt. Und rettet ihm somit das Leben!

Und so erfährt man im Buch auch, dass die Einwohner von Lönneberga nicht recht gehabt hatten, dass nämlich auch ein „schwieriges“ Kind, das viele Grenzen austestet und die Erwachsenen fast zur Verzweiflung bringt, später im Leben einen guten Weg machen und beruflich viel erreichen kann: Michel wird später als Erwachsener Gemeinderatspräsident, auch wenn ihm das als Kind nie jemand zugetraut hätte!

Dr. med. univ. (AT) Yvonne Graf-Homan