Eine Geschichte über das Leben, die Liebe und das Glück
Lange drauf gewartet und nun?
Da ich selbst gern die Metapher nutze, aber bzgl. des Lebens neurodivergenter Personen in einem oft toxischen Umfeld eher vom „Pinguin im Storchennest“ spreche, hatte ich das Buch mit Spannung erwartet.
Umso verwunderter war ich, als ich die Worte ADHS oder Autismus auf keiner Seite las. Stattdessen waren es viele Ausflüge ins Leben und das in vielfältigster Art.
So wie auch ich als ergrauter “Flausenkopf“ im Körper eines frischgebackenen Großvaters rückblickend viele Weisheiten reflektiere, finde ich diese auch in diesem Buch des Autors, der nur wenige Jahre älter ist als ich.
Die 168 Seiten lesen sich weg wie „nüscht“, da das Buch zum Einen tatsächlich ein „Taschenbuch“ ist, also in die Gesäßtasche meiner Jeans passt, und zum Anderen auch, weil es mit vielen seitenfüllenden Fotos von Pinguinen illustriert ist. Natürlich und vor allem aber auch wegen des Schreibstils, der den Leser förmlich von Seite zu Seite saugt.
Zu meinem Lieblingsthema "Neurodivergenz" konnte man jedoch leider nur zwischen den Zeilen etwas "herauslesen", was mich verwunderte, dann aber doch durch ein Highlight aufgehellt wurde: ME/CFS, das „Erschöpfungs-Syndrom“, das durch einen hartnäckigen Übersetzungsfehler oft fälschlich als „Müdigkeits-Syndrom“ bezeichnet wird, obwohl es hier um die Erschöpfung der Regenerationsfähigkeit des Organismus geht, wurde thematisiert.
Die Symptome, die der breiten Masse erst durch „Long-/Post-Covid“ bekannt werden, sind keineswegs „neu“, sondern als G93.3 schon Jahrzehnte vor Covid 19 bekannt und – leider - auch vielen Personen mit ADHS / Autismus sehr gut bekannt. Die stressbedingt sinkende Resilienz mit überproportional zunehmender Erschöpfung kennen viele von ihnen schon seit Generationen, ohne dass das somatische Symptombild ausreichend Beachtung gefunden hätte. Die sensorische „Überempfindlichkeit“ der „neuen Kranken“ rauscht in vielen Presseartikeln durch den Blätterwald der Gazetten und ist doch - vor allem Autisten - schon immer ein großer Schmerz, der ihnen die Teilhabe erschwert.
Doch zurück zum Buch (ich habe mich doch hoffentlich nicht mit ADHS „angesteckt“?),
das ermutigen will, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen.
Weit am Ende - hier packt mich Verbitterung - lese ich eine Bildunterschrift „Warum willst du so sein wie andere? Andere gibt es schon genug.“
Hier quält mich die Frage: weiß der Autor nicht, dass eigentlich das Umfeld neurodivergenter Menschen die Erwartung an uns Pinguine hat, dass wir Störche zu sein haben wie sie?
Ist nicht schon in der Kita der Zwang zur Anpassung an die 90 % anderen Kinder die Ursache frühester traumatisierender Erlebnisse „kleiner Pinguine“? Ist es nicht der Moment, wo sie von „wohlwollenden Störchen“ ermutigt werden, vom Rand des Storchennestes zu springen, um sich auf dem Weg nach unten übelste Blessuren zuzuziehen?
Der Autor schreibt auch davon „in seinem Element zu sein“. Doch was tun, wenn das Personal in Kitas, Schulen, ja nicht mal Kinderärzte bemerken, dass wir keine „kaputten Störche“, sondern Pinguine sind, die im Wasser grandiose „Flieger“ sind, aber im Fall aus dem Storchennest nur verlieren können?
Den „Mut haben anders zu sein“ bezahlen viele „kleine Pinguine“ mit teils drakonischen Strafen, die zur Anpassung zwingen sollen, wenn man nicht selbst den „Willen“ hat, sich den Erwartungen der "Störche" anzupassen.
Ich finde das Buch unterhaltsam, fand darin aber nicht, was ich eigentlich suchte.
Stefan