Überraschend anders
Von Pubertät bis Menopause: Wie Frauen in jeder Lebensphase ihr volles Potential ausschöpfen
- Rezension
Hier ist es – ein bemerkenswertes, neues Buch für Frauen und Mädchen mit ADHS.
„Bei ADHS geht es nicht darum, zu wissen, was man tun sollte, sondern, das zu tun, was man tun sollte“. Dieses Zitat des amerikanischen Psychiaters Russell A. Barkley beschreibt treffend das Störungsbild für alle Geschlechter.
Lotta Borg Skoglund stellt es auf die ersten Seiten ihres Buches. Es ist recht frisch im Februar 2025 erschienen. Die schwedische Autorin ist Psychiaterin und selbst betroffen. Die Diagnose hat sie mit ca. 24 Jahren erhalten. In ihrem Fachgebiet hat sie sich auf ADHS bei Mädchen und Frauen spezialisiert und ist als internationale Expertin anerkannt.
Mit der Diagnose haben sich Türen geöffnet. Sie stellt fest „Je mehr man sich um sich selbst kümmert, desto mehr Energie hat man für andere Dinge“. Sie ist noch immer dieselbe, aber die Angst ist verschwunden und schämt sich nicht mehr für sich selbst.
Zunächst erklärt die Autorin grundlegende Themen wie Symptome des Störungsbildes, Funktionsweise des Gehirns, Bedeutung von Dopamin und die exekutiven Funktionen. Weiter behandelt sie Beziehungen, Komorbiditäten, Arbeitsleben und Behandlungsmöglichkeiten. Wenn wichtig, beschreibt sie die Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
Zentrales Thema sind natürlich Mädchen und Frauen mit ADHS. Hier geht sie ausführlich auf weibliche Aspekte ein. Es geht darum, dass Mädchen seltener oder später diagnostiziert werden als Jungen, Pubertät, Hormone allgemein, Menstruationszyklus, PMS und PMDS, Sexualität, Schwangerschaft und die Zeit danach, Wechseljahre und später. Wie es ist, ein Kind mit ADHS zu haben oder ein Kind von ADHS-Eltern zu sein. Und auch was es schwierig macht, eine/n Partner:in mit ADHS zu haben.
Wie die Störung auf alles einwirkt. Und wie hilfreich das Wissen über die Zusammenhänge ist.
Weiter setzt sich u. a. Lotta Borg Skoglund damit auseinander,
- dass in der Forschung immer noch zu wenig die Unterschiede bei Männern und Frauen beachtet
werden,
- dass Frauen auch heute unter einem hohen Erwartungsdruck stehen,
- dass die „Superkraft“ bei ADHS, die inzwischen so betont wird, überschätzt wird. Diese erhöht
eher den Stress,
- dass soziale Schwierigkeiten unterschätzt werden,
- wie wichtig die Kontrollfunktion im Gehirn für gutes soziales Verhalten ist,
- dass Themen wie die Wirkung der Pille, Auswirkungen im Alter und das Demenzrisiko bei ADHS
noch nicht ausreichend erforscht sind,
- wie schwierig eine Abgrenzung von ADHS und Autismus sein kann, da Symptome leicht missverstanden werden.
Dabei ist das „Wie“ wichtig. Es ist sprachlich klar geschrieben und auch für „Einsteiger:innen“ verständlich. Die Stärke liegt in den Informationen und der Art, diese gut zu erklären. Es ist für alle geeignet, die sich das erste Mal mit dem Bereich beschäftigen wollen sowie für alle ADHSlerinnen, die mehr über weibliche Themen erfahren möchten. Lest selber – es lohnt sich.
Wer mehr über die Autorin erfahren will, kann dies unter www.borgskoglund.se/en und auf Instagram unter „lottaborgskoglund“ tun.
Monika Volkmann
2. Rezension
Wenn man schon im Thema drin ist, ist die erste Hälfte des Buches etwas träge. Es gibt keine Grafiken, die die Texte veranschaulichen und auflockern könnten. Es wäre aber schön, wenn die Beschreibungen konsumgerechter wären, damit man es zum Beispiel dem Partner eher mal zum Lesen geben könnte.
Ich empfand es als anstrengend wieder zu lesen, was mit mir los ist und folgend aber keine Lösungsansätze zu erfahren. Wieder vor Augen geführt zu bekommen, wie wenig ADHS eine Superpower ist, kann runterziehen, aber natürlich muss alles beschrieben werden.
Nun zu dem, was das Buch verspricht:
- „Überraschend anders“ suggeriert, dass der Leser Erwartungen wie die klassische Hyperaktivität hat und dann beim Lesen belehrt wird, wahrscheinlich sogar positive Eigenschaften erfährt. Das ist schon mal nicht so.
- „Wie Frauen in jeder Lebensphase ihr volles Potential ausschöpfen“, habe ich nicht entnehmen können. Ich wüsste nach wie vor gerne, wie ich mit diesen kognitiven Mechanismen besser umgehen kann, um mein Leben zu verbessern.
- „Neuste wissenschaftliche Erkenntnisse verbunden mit Erfahrung“ - mich hätte interessiert, was sie ihren Patienten empfohlen hat. Es wurde allerdings z. B. nur erwähnt, dass die Hormonschwankungen durch den Zyklus mit der Medikamentendosis erfolgreich abgeglichen wurden. Nicht weiter ausgeführt.
- „Stellt Behandlungsmöglichkeiten vor“, habe ich wohl überlesen.
- „Was können Betroffene selbst tun? Die Autorin gibt wertvolle Tipps“, tut sie nicht.
- Perspektive wechseln: Die Zielgruppe des Buches wird zum Großteil eher weiblich sein und nicht die Perspektive wechseln müssen. Teilweise enden die wenigen Berichte auch nicht mit bewältigten Problemen.
- Weibliche Hormone und ADHS - dazu hätte ich mir wirklich mehr gewünscht. Ich weiß nach wie vor nicht, wie meine Medikamente dosiert werden könnten, um mir zu helfen, durch die schweren Zyklustage zu kommen. Es gab mir keine Anhaltspunkte, die ich mit Ärzt*Innen besprechen könnte.
Ich habe dieses Buch schnell und mit Motivation gelesen, weil ich wollte, dass es gut ist. Ich würde es nicht empfehlen. Wenn man schon andere Bücher wie ADHS 2.0 gelesen hat, könnte man die Literaturnachweise im Anhang durchgehen, um mehr zu erfahren - für außerordentlich Motivierte.
Kathrin Freudenberg