Ein Kinderfachbuch über ADHS
„Wer macht das CHAOS in meinem Kopf?“
Idee gut, Umsetzung (zum Teil) nicht – eine Meinung zum Buch
„Wer macht das CHAOS in meinem Kopf?“ ist ein Kinderfachbuch über ADHS, das 2025 im Frankfurter Mabuse-Verlag erschienen ist. Herausgeberin des Buches ist Leonie Muth, die neben ihrem Studium der Kindheitspädagogik als Lehrerin an einer Montessori-Grundschule arbeitet. Sie ist gleichzeitig die Autorin und Illustratorin des ersten von zwei Teilen, in die das Buch unterteilt ist. Der erste Teil mit einer Geschichte um die vier Botenstoffe Anni Adrenalin, Dennis Dopamin, Hans Hormon und Susi Serotonin richtet sich an betroffene Kinder; der zweite Teil mit Fachtexten von Dr. med. Fabian Härtling und Diplom-Psychologe Stefan Hetterich an Erwachsene.
Ich (der Autor dieser Rezension) habe drei Kinder im Alter zwischen 7 und 13 Jahren, von denen bisher eins eine ADHS-Diagnose hat. Ich selbst bin ein spätdiagnostizierter Mensch mit ADHS und Autismus. Eigentlich wollte ich das Buch meinen Kindern vorlesen oder es gemeinsam mit ihnen lesen. Nachdem ich den ersten Teil durchgearbeitet hatte, entschied ich mich aber dagegen. Leider kann ich dieses Buch nicht für Kinder empfehlen, aus den folgenden Gründen:
Der Text ist meiner Ansicht nach nicht kinderfreundlich geschrieben und lädt nicht zum Lesen ein. Die vielen langen und verschachtelten Sätze bilden größere, zusammenhängende Textblöcke, die meine älteren Kinder vielleicht akzeptieren und verstehen würden, nicht aber meine 7-Jährige.
Das Thema wird in der Du-Form anhand einiger Beispiele vermittelt, die auf mich sehr theoretisch wirken, eher wie eine Aufzählung, die darstellt, dass die vier Botenstoffe bei Menschen mit ADHS nicht so funktionieren, wie sie eigentlich zu funktionieren hätten.
Auch wenn es sich bei der Veröffentlichung um ein Fachbuch handelt, sollten die Sachinformationen in dem an Kinder gerichteten Teil meiner Meinung nach entlang einer zusammenhängenden Geschichte transportiert werden. Der Großteil des Textes besteht aus wörtlicher Rede. Die Passagen überspannen teilweise drei Seiten, so dass der Text auf einer Seite mit Anführungszeichen beginnt und erst zwei Seiten später mit Anführungszeichen abschließt. Im Anschluss geht es direkt mit wörtlicher Rede weiter, in der ein anderer Ich-Erzähler, ein anderer Botenstoff, etwas erzählt oder beschreibt. Um welchen Ich-Erzähler es sich dabei handelt, muss man sich anhand des Bildes auf der jeweiligen Seite selbst erschließen.
Die Zeichnungen finde ich gelungen, wobei mir jeweils die Verbindung zu dem zugehörigen Textabschnitt fehlt. Ich empfinde das als verwirrend, unübersichtlich und insgesamt mühsam.
Der für mich am schwersten wiegende Grund, aus dem ich dieses Buch nicht empfehlen kann, liegt darin, dass auf Seite 24 zwei Botschaften gesendet werden, mit denen ich persönlich nicht einverstanden bin.
Dort steht, dass man es mit oder ohne Hilfe schaffen könne, die vier Botenstoffe „unter Kontrolle zu bekommen“, dass man aber viel üben und sich anstrengen müsse, um dafür Strategien zu finden. Ich lese es im Umkehrschluss so, dass man sich einfach nicht genug angestrengt oder nicht genug geübt habe, solange man die Strategien noch nicht gefunden hat. Und darin steckt nach meinem Verständnis wiederum die Botschaft, dass man sich doch einfach nur mehr anstrengen müsse, um „normal“ zu sein. Und das finde ich, insbesondere in einem Buch für Kinder mit ADHS, nicht gut.
In dem sich anschließenden Abschnitt steht, dass die Botenstoffe manchmal so eigensinnig seien, dass ein Medikament notwendig wird, um sie zu kontrollieren. In dieser Erklärung sehe ich die Botschaft, dass man mit ADHS krank ist und das Medikament dafür bräuchte, die besagte Kontrolle zu erlangen. Mir gefällt es nicht, dass es bei den Lösungsansätzen um Kontrolle, Üben und Anstrengen geht.
Selbst bei der Beschreibung der Funktionsweise der Botenstoffe geht es darum, dass Dennis Dopamin manchmal einfach „keine Lust“ oder „keinen Bock“ hat, seine Arbeit im synaptischen Spalt zu erledigen. Auch das impliziert aus meiner Sicht, dass es bei ADHS um fehlende Lust (hier bei einer Substanz des eigenen Körpers) gehe statt um die Mechanismen der Ausschüttung, der Wiederaufnahme sowie um das Verhältnis der Botenstoffe untereinander. Die Verknüpfung dieser biologischen Mechanismen mit mangelnder Lust finde ich problematisch.
Ich denke, die in dem Buch gewählte Herangehensweise erschwert es einem Kind, ADHS erst einmal als ein Anderssein und ein Andersfunktionieren anzunehmen und dann darauf aufzubauen. Ich finde, das Buch pathologisiert ADHS in dem für Kinder gedachten Teil unnötig.
Die Geschichte schließt dann auch noch mit Klischees der Art ab, dass man mit ADHS besonders kreativ sei, sich gut in andere Menschen hineinversetzen könne und dergleichen. Ich habe in den zwei Jahren seit meiner eigenen Diagnose so viele unterschiedliche Menschen mit ADHS kennengelernt, dass ich diese allgemeine, generalisierte Charakterisierung nicht unterstreichen kann.
Die beiden Texte im zweiten Teil des Buches empfinde ich dagegen als hilfreich, gerade für Eltern von Kindern kurz vor oder nach einer ADHS-Diagnose. Der Text von Dr. Fabian Härtlich ab Seite 28 widerspricht teilweise dem, was in der Geschichte von Leonie Muth steht, in dem er herausstellt, dass Medikamente als First-Line-Therapie empfohlen werden und sich dann in vielen Fällen weitere Maßnahmen einer multimodalen Therapie, also das Üben, erübrige. Der Fachtext von Stefan Hetterich gibt den Lesenden eine dreiphasige Strategie an die Hand, das eigene Kind zu begleiten und zu unterstützen.
Möglicherweise könnte das Buch in einer neuen Auflage davon profitieren, die Reihenfolge der Texte umzukehren, so dass der erwachsene Mensch zunächst eine fundierte Einführung in das Thema erhält und dann, beim Lesen einer verbesserten Geschichte, dem Kind dabei aufkommende Fragen beantworten kann.
Die Grundidee, Kindern die biologischen Mechanismen näherzubringen, die für ADHS verantwortlich sind, befürworte ich. Aus meiner persönlichen Sicht müsste die Umsetzung im ersten Teil aber positiver, weniger problemorientiert und pathologisierend erfolgen, damit ich das Buch gemeinsam mit meinen eigenen Kindern lesen kann.
Marcus Dittrich