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Schule & Autismus - schAUT

Barrieresensible Gestaltung inklusiver Schulen - Eine Handreichung

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Schule & Autismus - schAUT
Lukas Hümpfer-Gerhards, Stephanie Fuhrmann, Sabine Schwager, Jochen Kleres, Jana Kundert, Mark Benecke, Michel Knigge, Vera Moser
Verlag
White Unicorn e. V.
ISBN-Nummer
978-3-982 62-901-8

Auch wenn "Autismus" auf dem Deckel steht, ist dieses Buch doch deutlich mehr als ein "Nischenprodukt". 

Schon ab Seite 29 "Umgang mit Barrieren" erkennt man sehr schnell, dass die aufgezählten 25 "unsichtbaren" Barrieren häufig auch viele andere Menschen betreffen; Menschen die eine beliebige andere "Diagnose mit F" oder dem Schlüssel "G" des ICD 10 oder sogar aus einem gänzlich anderen medizinischen Bereich haben. 
Sogar "vermeintlich Gesunde" stellen fest, dass sie teilweise erheblich durch die beschriebenen Barrieren eingeschränkt werden, aber bisher nie über deren Konsequenzen oder einen Abbau der Barrieren nachgedacht haben. 

Schon bei Barriere 1: “Zu viele Sachen auf einmal, wenn man sich konzentriert”, spitzen Betroffene, Angehörige und Interessierte der "ADHS-Community" die Ohren, da sie sofort eine der Baustellen erkennen, die doch vermeintlich exklusiv für ADHS steht. 

Über "Geräusche aus der Menschenwelt", "Mitmenschen als mögliche Bedrohung", "Gerüche, die stören", "Sachen, die sich schrecklich anfühlen", "Töne, die andere nicht hören können" usw. arbeitet sich das Buch durch die Wahrnehmungswelt von Personen mit natürlicher oder erworbener Neurodivergenz. 

"Kunstlicht", "Luftbewegung", "Zu helles Licht" etc. sind Barrieren, für die Betroffene immer wieder ein "Hab Dich nicht so!" oder "Reiß Dich doch mal zusammen!" zu hören bekommen. 
Viele von uns haben schon in der Kita gelernt, sich "zusammenzureißen". Sie sind daran gescheitert oder ausgebrannt. Im besten Fall werden sie einfach nur ignoriert. 

Die Erfahrung, für die Äußerung von Leid oder wichtiger individueller Bedürfnisse bestraft oder ausgelacht zu werden, hat viele "stumm gemacht". Zum Selbstschutz "verlernt" ein Teil der Betroffenen die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und ist überrascht, wenn die permanente Überlastung Auswirkungen auf die psychische oder physische Gesundheit hat. 

Sie brauchen unendlich viel Kraft für die Überwindung der Barrieren, die dann für die Bewältigung vermeintlich einfacher Aufgaben in Kita, Schule, Berufsausbildung oder Studium fehlt. Hiermit wird sehr früh die diabolische Saat für psychische Folgeerkrankungen in den Boden gebracht, da Depressionen, Ängste, Opposition häufig in solchen Szenarien ihren Ursprung haben. 

Die genetisch ererbte Veranlagung ADHS, Autismus etc. ist häufig kein wirkliches Problem, sofern die individuelle Ausprägung der damit verbunden Barrieren erkannt und anerkannt wird. 

Ähnlich einer Treppe für Mobilitätseingeschränkte, einer Ampel für nicht Sehende, akustischer Signale für nicht Hörende etc., sind Barrieren nur so lange ein (teilweise tödliches) Problem, wie sie nicht erkannt und behoben werden. 

Liest man sich in die 11 Kapitel auf 163 sparsam bedruckten und häufig bebilderten Seiten ein, erkennt man auch ohne das umfangreiche Zusatzmaterial, das man unter white-unicorn.org/verlag herunterladen kann, dass die Barrieren häufig sehr einfach abgebaut oder zumindest reduziert werden können. 

Technisch sind sie bei Neubau oder Renovierung von Kitas, Schulen, Hochschulen, öffentlichen Gebäuden deutlich preiswerter vermeidbar als z. B. die Nachrüstung und der Betrieb von Rampen oder Aufzügen, die unbestritten ebenfalls ein wichtiger Teil bei der Vermeidung von Barrieren sind. 

Projekte wie die "Stille Stunde" weisen ebenfalls auf die "unsichtbaren Behinderungen" hin, die mit den Barrieren verbunden sind, die in der "Handreichung" beschrieben werden. Wer hier nur plakativ an Supermärkte denkt, wird schnell eines Besseren belehrt, wenn die Downloads der Pressemappe wertvolle Anregungen geben, wie man auch die unsichtbaren Barrieren in Kita, Schule etc. abbauen kann.   

Die "Handreichung" ist im Zuge des partizipativen Projektes mit der Fördernummer FZK 01NV3204 von 2012-2014 in Zusammenarbeit von Betroffenen, Hochschulen und Prominenten wie Dr. Mark Benecke entstanden und ist Teil eines ganzen Paketes an Materialien, die Barrieren im schulischen Umfeld sichtbar machen und Mittel an die Hand geben, um Betroffenen zu helfen, diese zu überwinden. 

Dass sich das ThILLM (Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien) seit 2024 eine Ausgabe des Buches (ISSN 0944-8691) mit eigenem Branding gesichert hat, ist m. E. ein deutliches Zeichen dafür, dass das Thema "unsichtbare Barrieren“  jm Bereich der Aus- und Weiterbildung bisher unterrepräsentiert war. 
Schaut man in die Lehrpläne für zukünftig Erziehende oder Lehrende an deutschen Hochschulen, sind diese Barrieren nicht bekannt bzw. werden m.E. sogar Praktiken vermittelt, die psychische und physische Erkrankungen bei den betroffenen Kindern fördern. 

Nach meiner persönlichen Meinung sollte diese Handreichung Teil jedes Studiums oder jeder Ausbildung von Personen sein, die im späteren Beruf mit "ganz normalen Kindern" arbeiten. Denn gerade außerhalb der Förderpädagogik entstehen m. E. die gravierendsten Schädigungen Betroffener durch nicht erkannte unsichtbare Barrieren.

Stefan