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Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS

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Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS
Russell A. Barkley
Verlag
Hogrefe AG, 3. überarb. Auflage (2024)
ISBN-Nummer
978-3-456-86221-7
Preis
40,00 €

Das Buch ist sehr strukturiert und gut gegliedert und für den Leser sehr hilfreich. Barkley erklärt verständlich und einfühlsam und legt Wert darauf, dass ihm der Leser folgen kann und seine Ausführungen für ihn auch anwendbar sind.

Sehr eindrücklich betont er immer wieder, wie wichtig es ist, eine fundierte Diagnose gestellt zu bekommen. Diese sei ein Passierschein für ein besseres Leben, weil sie helfe, sich besser zu verstehen und auch weil jetzt Hilfen abgerufen werden können.

Hierauf legt Barkley viel Wert. Er sieht in der medikamentösen Behandlung die wichtigste Hilfe, aber er beschreibt auch ausführlich Strategien für ADHS-Betroffene und er verweist immer wieder auf Psychotherapieangebote, Fördermöglichkeiten in der Ausbildung und im Beruf etc. 

Als ersten Schritt sieht er, dass es für Betroffene gilt, dass sie ADHS akzeptieren und  nicht weiter die Schuld bei anderen suchen. Glück setze voraus, dass man sich so akzeptiert, wie man ist. “ADHS ist nicht ihre Schuld, aber es liegt an ihnen, mit ihrem ADHS gute Lösungen zu finden“.

Barkley sieht als Hauptfaktor bei ADHS eine mangelnde Selbstregulation. ADHS sei eine Beeinträchtigung der Exekutivfunktionen, jenen mentalen Fähigkeiten, die unserer Verhalten regulieren. Dazu zählt er die Selbstwahrnehmung, ein gutes Arbeitsgedächtnis, was uns hilft zu planen und an unsere Ziele zu gelangen (wie ein GPS, mit dem wir unsere Ziele erreichen können). Weiter zählt zu den Exekutivfunktionen die Selbstmotivation und Problemlösestrategien und die Flexibilität, um uns an veränderte Situationen anzupassen. Bei ADHS ist die Inhibition deutlich vermindert. Das bedeutet, dass ADHS-Betroffene ihre Gefühle und Handlungen schlecht regulieren und bremsen können. 

Barkley vergleicht die Exekutivfunktionen mit einem Auto: das GPS sei die Aufgabe der Planungsfunktionen, das Gaspedal unsere Motivation, die Bremse unsere Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung und das Steuer unsere Verhaltensanpassung (Flexibilität). ADHS sei eine Störung, die das eigene Verhalten beeinträchtigt und Probleme macht, dass Betroffene sich zeiteffizient und zukunftsorientiert organisieren können. Das eigentliche Probleme bei ADHS ist, das Wissen in Handlung umzusetzen. ADHSler reagieren spontan auf Ereignisse ohne darüber nachzudenken. Selbstkontrolle dagegen sei eine Fähigkeit, eine Handlungsoption zu wählen und unsere Handlungen auf die Zukunft auszurichten. Normalerweise können wir Handlungen simulieren, um zu überprüfen, ob unsere Handlungen angemessen und zielführend sind. Neurotypische Menschen können auch auf Erfahrungen zurückgreifen und sie haben eine Art Karte im Kopf, mit der sie Zukunft vorausplanen. Sie treffen ihre Entscheidungen, indem sie einen Zugriff auf die Vergangenheit haben und ihre Entscheidungen auswerten können und indem sie ihre eigenen Handlungen abgleichen, was diese in der Zukunft bewirken werden. Der ADHSler lebt dagegen im Hier und Jetzt und hat nur wenig Zugriff auf seine Erfahrungen und seine vermeintlichen zukünftigen Handlungen. Barkley nennt das einen eingeschränkten Zukunftssinn. 

ADHS-Betroffene haben auch ein Problem mit der Regulation von Emotionen. Diese sind mächtige Motivationen, die uns dazu bringen zu handeln, uns zu aktivieren oder etwas zu vermeiden. Wichtig ist für uns, dass wir in der Lage sind, unsere Emotionen zu kontrollieren, weil uns das in der Wahl unserer Handlungen freier macht. Statt sich nur von Emotionen leiten zu lassen, kann so unser Verhalten angepasst werden und wir können dann besser Handlungsalternativen denken, statt aus dem Bauch heraus zu reagieren. Bei ADHS zeigt sich einerseits, dass sie zu schnell handeln, ohne ihre Handlungen zu überprüfen, andererseits, dass sie keine abgewogenen Entscheidungen treffen können, weil es ihnen nicht gelingt, ihre Handlungen ausreichend abzuwägen. 

Weiterhin zeigt sich bei ADHS-Betroffenen eine Zeitblindheit. Damit ist gemeint, dass sie kurzsichtig sind für ihre Zukunftsplanung. Sie haben kein Zeitgefühl und statt sich auf Ereignisse vorzubereiten, blenden sie diese so lange aus, bis die Krise da ist und dann kommen sie zu unbefriedigenden Notlösungen. 

Barkley hat nun ein 8-Schritte-Programm bzw. 8 Regeln für ADHS-Betroffene:

  1. Stoppen Sie Ihre Handlung: Reagieren Sie nicht sofort. Halten Sie ihre Hand vor den Mund und denken Sie über die aktuelle Situation erst nach.
  2. Erst zurückschauen, dann nach vorne schauen. Bevor Sie entscheiden, schauen Sie, ob Sie schon einmal ähnliche Situationen erlebt haben und schauen Sie in die Zukunft, was Ihre Handlung voraussichtlich bewirken wird. 

3.  Aktivieren Sie Ihre innere Stimme, bevor Sie handeln. Versuchen Sie vorher in einen Dialog mit Ihrer inneren Stimme zu gehen, denn Selbstgespräche sind für die eigene Planung von großer Bedeutung. Die innere Stimme hilft uns bei der Selbstkontrolle und Handlungsabwägung. 

4. Schlüsselinformationen sichtbar machen. Hängen Sie gut sichtbare To-Do Listen auf, schreiben Sie sich Stoppschilder, wenn Sie wieder an den Kühlschrank gehen, tragen Sie sich immer Verabredungen, Aufgaben, Versprechungen und Termine ein. 

5. Gefühle für die Zukunft entwickeln. Denken Sie daran, was negativ ist, wenn Sie so weitermachen und versuchen Sie das zu spüren. Versuchen Sie, sich positive Zukunftsvisionen zu machen, wie gut es Ihnen gehen wird, wenn Sie Ihre Aufgaben endlich gemacht haben. 

6. Setzen Sie Ihre Vorhaben Schritt für Schritt um. Teilen Sie längere Aufgaben in kleine Schritte und machen Sie einen Schritt richtig und vollständig. Oder teilen Sie Aufgaben in Zeitabschnitte und arbeiten Sie in einem Zimmer immer Sequenzen von 20 Minuten und machen Sie dann eine kurze Pause. 

7. Probleme nach außen verlagern und greifbar machen. Versuchen Sie nicht alles im Kopf zu behalten, sondern schreiben Sie es auf in Form von Listen.

8. Tragen Sie alles mit Humor. Lachen Sie öfter über sich und sagen Sie sich: „Ah, hier ist wieder mein ADHS".  Akzeptieren Sie ihre Unvollkommenheit!

Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch mit vielen hilfreichen Tipps und sehr gut erklärt.

Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz