Direkt zum Inhalt

Lernmythen aufgedeckt

Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert

Image
Lernmythen aufgedeckt
Yvonne Konstanze Behnke
Verlag
Haufe-Lexware, 1. Auflage (2025)
ISBN-Nummer
978-3-648-18394-6
Preis
34,99 €

Wie Menschen lernen, hat mich schon immer fasziniert. Doch Menschen sind vielfältig und individuelle Lernwege weder vorhersehbar noch mathematisch berechenbar. So war ein Buch über Lernmythen längst überfällig. Ein Buch, das endlich aufräumt mit überflüssiger Didaktik und unsinnigen Lernmethoden. Yvonne Konstanze Behnke untersucht Mythen und Wahrheiten über das Lernen mit wissenschaftlicher Expertise. Erwartungsvoll kämpfte ich mich durch die Kapitel und wurde nicht enttäuscht. Im Buch werden Weisheiten über das Lernen selbst, über Methoden und Medien in Trainings und Seminaren und die sozialen Medien beleuchtet. Vielleicht sollte der Titel eher auf Bildungsmythen verweisen, denn Behnke nimmt Generationenklischees, Populärkultur und die Digitalisierung der Bildung ebenso ins Korn wie Gamification, Speed Reading oder Selbstgesteuertes Lernen. Rundum ein gelungenes Nachschlagewerk über wissenschaftliche Hintergründe und moderne Bildungsstrategien.

Die Autorin betrachtet den Einsatz verschiedener Vermittlungstechniken für Personalentwicklung und Weiterbildungsmaßnahmen (Corporate Learning) in Unternehmen. Sie nutzt dafür ihre langjährigen Erfahrungen als Coachin (Trainerin), Keynote Speakerin (Inspirationsquelle) und Begleiterin von Corporate Learning in Unternehmen. Insofern richtet sich der Lesestoff vorrangig an andere Learning Professionals (Experten im Bereich der Personalentwicklung) aus dem Personalmanagement. Nicht zuletzt liegt ihr damit der effektive Einsatz unternehmerischer Ressourcen am Herzen. Wer also nach einer Unterstützung des Lernens im (Schul-)Alltag sucht, wird vergeblich blättern. Ich vermisse Hinweise auf Lerntheorien, die Selbstkompetenz und Praxistransfer ermöglichen. Ist es denn auch ein Mythos, dass Lernen nur nachhaltig ist, wenn der Lernende intrinsisch motiviert ist, im eigenen Tempo mit viel Autonomie und Eigenverantwortung lernt? Was ist mit gelebter Fehlerkultur, Zeiteinteilung und Neuroplastizität? Dennoch ist die Lektüre eine wahre Fundgrube für jeden Lehrenden, Trainierenden oder Seminarleitenden, der sich einer kritischen Studie seiner didaktischen Prinzipien unterziehen möchte. 

Zum Einstieg kann der Lesende einen Lernmythentest machen, der das eigene Wissen überprüft und einen Vorgeschmack auf den Inhalt gibt. Am Ende können alle Antworten mit Erläuterung nachgelesen werden. Behnke nimmt sich in jedem der sechs Kapitel Mythen über das Lernen vor und erklärt sie anschaulich nach einem übersichtlichen System: Was ist der Mythos? Der Ursprung. Was ist der Haken? Die Fakten. Der wahre Kern und was wir daraus lernen können. Was funktioniert stattdessen? Ein Fazit schließt jedes Kapitel ab gefolgt von Quellen und Literatur zum Weiterlesen. Mir gefällt besonders, dass sie die Würdigung der Leistung des Urhebers nicht vergisst und am Ende jedes Abschnitts entsprechende Literaturverweise anfügt. In jedem Mythos steckt auch ein Fünkchen Wahrheit, das ist eine wichtige Information und die Aufforderung, seine Lehre wirklich kritisch zu hinterfragen. Im letzten Kapitel schlägt Behnke einen Lernmythencheck vor mit der eindringlichen Warnung, sich nicht von vermeintlich logischen Schlussfolgerungen aus der Alltagspsychologie täuschen zu lassen. Besonders von neuen, einzigartigen und vielversprechenden Methoden rät sie ab. Sie erklärt, weshalb sich Lernmythen so lange gehalten haben und schlägt damit einen gelungenen Bogen zum Anfang des Buches.  

In meiner Begeisterung über das Thema bin ich gleich auf den ersten Seiten über eine ADHS-Herausforderung gestolpert: Lies genau und behalte den Zweck des Buches im Auge. Zum Beispiel steht im Lernmythentest zum Einstieg: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deshalb ist Lernen mit Bildern leichter als mit Text.“ Meine Antwort: Stimmt, sofort ploppt die Aufbauanleitung von Billy vor meinem geistigen Auge auf. Danach werde ich schnell fündig mit weiteren Beweisen: Die Molekülstruktur von Glukose C6H12O6 dreht sich in meinem Kopf, Icons wie Kopfhörer oder Toilettenmännchen tauchen auf und schon grinse ich über die richtige Antwort. Doch weit gefehlt nach Behnke, denn das ist ein Mythos. Also Stimmungsbilder beim Lernen ade? Besser die Betriebsanleitung bis ins Kleingedruckte lesen lassen und Wörterbuch danebenlegen? Sicher nicht im Sinne der Autorin. Vielleicht liegt das aber auch nur an der etwas unglücklichen Formulierung oder ich habe in meinem neurodivergenten Leichtsinn die Aussage völlig falsch interpretiert, denn nachgelesen im Kapitel heißt es: „Lernen mit Bildern geht automatisch und ist kinderleicht.“ Und das ist meines Erachtens etwas völlig anderes. Die Autorin beschreibt als Mythos nicht die Aussage selbst, sondern kritisiert den unhinterfragten (wahllosen?) Einsatz von Bildern durch Wissensvermittler. Welcher Pädagoge tut so etwas? 

Jedes Kapitel mit seinen Mythen kann einzeln gelesen werden, die persönliche Anrede in den Tipps ist sehr ansprechend und fördert Vertrauen in den Inhalt. Die immergleiche Systematik macht es einfach, sich zwischen den Kapiteln hin- und herzubewegen. So wundervoll strukturiert ist es aber nicht gerade lernförderlich. Die Fakten sind fundiert ausgearbeitet und werden verständlich erklärt. Der interessierte Lesende erfasst daraus schnell, wie man Fehler im Lernprozess vermeiden kann, das macht die meisten der nachfolgenden Tipps überflüssig. Einen kleinen Einblick in die komplizierte Welt des Personal Professionals geben ab und an hinzugefügte Lehrhilfsmittel wie WOOP, KLIER, Spaced Repetition, Scrap-Learning oder die MURDER-Methode und natürlich Beispiele zur Verdeutlichung. Irgendwann war ich erschlagen von der vielen Theorie und spätestens nach dreimaliger Wiederholung der aufgelisteten Hinweise, was stattdessen funktioniert, habe ich abgeschaltet. Denn genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Statt Lernmythen-Methoden werden von Behnke in jedem Abschnitt wiederum Methoden/didaktische Hinweise vorgeschlagen, die besser funktionieren sollen. Da frage ich mich, ob ich Mythos für Mythos jetzt umsonst durchgekaut habe, nur um am Ende jedes Kapitels die gleichen klugen Vorschläge zu lesen, die jeder Pädagoge nach erfolgreicher Ausbildung zur Prüfung vorlegen muss. Mich beschleicht der Eindruck, dass hier eine Bildungsökonomie neben den bestehenden Bildungswissenschaften beschrieben wird. Vielleicht würde ein Blick über den Tellerrad schon ausreichen, um das Fahrrad nicht schon wieder neu erfinden zu müssen. 

Bei aller Wissenschaftlichkeit, gelernt bedeutet noch lange nicht verstanden. Deshalb bemängelt Behnke zurecht den fehlenden Praxistransfer der meisten Trainingstechniken. Ich vermisse die Motivationspsychologie und einen Verweis auf die Selbstkompetenz der Lernenden. Auch möchte ich einem Urteil Behnkes widersprechen, die behauptet, selbst gesteuertes Lernen sei „keine angeborene Fähigkeit, sondern müsse erst erworben werden und brauche Training…“ (vgl. Behnke, S. 82). Sie geht dabei von einer Kernkompetenz des Menschen aus, die im durchgestylten 21. Jahrhundert in einer hochkomplexen Arbeitswelt zwischen Unternehmensentwicklung und Work-Live-Balance funktionieren soll. Demzufolge ist es nicht verwunderlich, wenn die Motivation Lernender sinkt, sobald diese Kernkompetenz als „Methode“ angepriesen wird. Lernen geschieht immer im „Selbst“ und ist eine Kernkompetenz von Entwicklung überhaupt, weshalb der Focus besser darin liegen sollte, individuelle Lerntechniken zu entwickeln und zu unterstützen, anstatt Methodenmarathon zu betreiben. Weniger ist mehr.   

Die Autorin hat sich mit ihrem Buch dem schwierigen Thema Lernen bzw. Bildungsmethoden gestellt und herausgearbeitet, wie Learning Professionals moderne Unternehmenskultur bedienen können. Selbst benanntes Ziel des Lehrmaterials ist die Implementierung effizienter und ökonomischer Trainings-Maßnahmen mit erfolgversprechenden Usability-Parametern für evidenzbasiertes Corporate Learning, um die Mitarbeitenden in Unternehmen noch wirkungsvoller, schneller, nachhaltiger und kostensparender zu schulen. 

Was ich am Buch schätze, ist die Botschaft, besonders neue Methoden nicht ungefragt zu übernehmen und blind in die vermeintliche Effizienz zu stürzen. Jeder Lehrende sollte seine Methodik gründlich auf die Zielklientel abstimmen und nicht jede Methode ist universell einsetzbar. Behnkes Resümee zum Schluss – nicht alle Probleme lassen sich durch Lerntraining lösen. Wie wahr.   

Als wertvolle Grundlagenquelle für Studierende oder angehende Seminarleitende in der Erwachsenenbildung ist das Buch sicher eine Empfehlung.  

Dipl.-Med.-Päd. Evelyn Biehl